„Unser Handwerk ist das schönste der Welt!“ – Trevor Sorbie

Er war der erste Friseur, der von der Queen mit dem M.B.E - Orden für seine Verdienste ausgezeichnet wurde, und auch der erste Friseur, der den British Hairdressing Award vier Mal eroberte. Trevor Sorbie gehört zu den international bekannten Größen, die die Friseurbranche entscheidend geprägt haben. Er hat die Haare der berühmtesten Menschen der Welt gestylt – von den Beatles bis Take That. Seine Karriere begann an der Seite von Vidal Sassoon und sein Durchbruch gelang ihm in den 70er-Jahren mit der Erfindung seiner eigenen Haarschneidetechniken „The Wedge“, „The Scrunch“ und „The Wolfman“. Trevor Sorbie ist für hochwertige Ausbildungssysteme und die Förderung von Talenten bekannt: Dazu gehören unter anderen Angelo Seminara, Eugene Souleiman, Antoinette Beenders und Sally & Jamie Brooks. In diesem Jahr gibt es gleich zwei wichtige Ereignisse, die Trevor einen Grund zum Feiern geben: Er feiert seinen 65. Geburtstag und 50 Jahre in der Friseurbranche. Die CUTwalk wollte wissen, welche Pläne das Ausnahmetalent nach 50 Arbeitsjahren hat und wie er auf diese Zeit zurückblickt und hat ihn in London zum Interview besucht.

CUTwalk: Trevor, Sie gehören zu den erfolgreichsten Friseuren der Welt und feiern Ihren 65. Geburtstag. Sind Sie nach 50 Jahren im Friseurhandwerk immer noch jeden Tag im Salon oder haben sich Ihre Interessen geändert?

Trevor Sorbie: Haareschneiden ist meine Passion seit meinem 15. Lebensjahr. Ich arbeite nach wie vor jeden Tag, doch nicht immer in meinem Salon, denn meine Interessen verändern sich zunehmend. Aus persönlichen Gründen habe ich meinen Schwerpunkt verlegt: Ich unterstütze Frauen, die aus medizinischen Gründen ihre Haare verlieren. Um möglichst viele Menschen zu erreichen und einzubeziehen, habe ich die Initiative „My New Hair“ gegründet.

CUTwalk: Gab es einen konkreten Anlass zur Gründung von „My New Hair“?

Trevor Sorbie: Vor sieben Jahren bekam meine Schwägerin Krebs und verlor durch die Chemotherapie ihr Haar. Das konnte sie nur sehr schwer ertragen und deshalb bat sie mich, eine Perücke für sie zu besorgen. Sie wollte trotz des Haarverlustes attraktiv für meinen Bruder aussehen. Ich habe ihr eine Perücke gekauft und sie an ihren Haarschnitt angepasst. Als sie sich das erste Mal damit im Spiegel sah, fing sie an zu weinen und ich dachte für einen kurzen Augenblick, dass sie weint, weil sie sehr traurig ist. Aber das war nicht so, denn sie weinte vor Glück, weil sie ein Stück Persönlichkeit zurückgewonnen hatte. Als ich das begriffen habe, beschloss ich, künftig einen Teil meiner Zeit darauf zu verwenden, Frauen zu helfen, die durch medizinische Behandlungen ihr Haar verlieren.



CUTwalk: „My New Hair“ bietet Hilfe in ganz Großbritannien an. Wie ist es Ihnen gelungen, die Organisation so schnell aufzubauen?

Trevor Sorbie: Ich habe lediglich den Anstoß gegeben und meine langjährige Erfahrung genutzt, so viele Friseure wie möglich zu erreichen. Deshalb habe ich Seminare zur Schulung für Kollegen angeboten, die die Sache unterstützen und diesen wunderbaren Service auch anbieten wollen. Inzwischen wurden mehrere hundert Friseure im ganzen Land ausgebildet und es gibt bereits Standards, die die Qualität unserer Arbeit sichern sollen.

CUTwalk: Welche Voraussetzungen müssen Friseure mitbringen, um für „My New Hair“ zu arbeiten?

Trevor Sorbie: Sie müssen vor allem zuhören können. Die fachlichen Voraussetzungen sind sehr leicht vermittelbar, die beherrscht jeder gute Friseur ohnehin. Doch wichtig ist es zu wissen, dass der Verlust der Haare im Rahmen einer Krebstherapie häufig dazu führt, dass Frauen auch ihr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen verlieren. Die Lebensfreude sinkt, Depressionen treten auf. Deshalb muss ein Friseur wissen, wie er sich verhalten soll. Er muss zuhören können, ohne ständig irgendwelche eigenen Geschichten von irgendwelchen Krankheitsverläufen beizutragen. Die Betroffenen sollten im Mittelpunkt stehen. Zuhören ist sehr wichtig.

CUTwalk: Gibt es finanzielle Unterstützung?

Trevor Sorbie: Ja, aber es ist natürlich nie genug. Die Friseure arbeiten unentgeltlich, aber trotzdem fallen Kosten an, die von den Betroffenen nicht getragen werden können. Wir lassen nichts unversucht. Im Oktober 2009 wurde ich in die Downing Street Nr. 10 eingeladen, um die erfolgreiche Arbeit mit „My New Hair“ zu feiern und über die Bereitstellung von Geldmitteln des britischen Gesundheitsministeriums für „My New Hair“ zu sprechen. Seither werden wir unterstützt. Außerdem kooperieren wir mit MacMillan zusammen, der größten Einrichtung in Großbritannien, die sich um krebskranke Menschen kümmert.

CUTwalk: Die Queen hat Sie bereits 2004 für Ihr Engagement und Ihre Leistungen für das Friseurhandwerk mit dem M.B.E.- Orden auszeichnet. Waren Sie wirklich der erste Friseur, der diese Auszeichnung bekam?

Trevor Sorbie: Ja, das ist wahr und ich bin heute noch gerührt, wenn ich an diesen Augenblick im Buckingham Palast zurückdenke. Die Auszeichnung als Member of the British Empire (M.B.E.) bedeutet mir sehr viel, auch wenn ich damals nicht so ganz verstehen konnte, warum gerade ich den Orden bekam. Die Queen ist eine großartige und kluge Frau und ich verehre sie. Wir haben uns sehr gut unterhalten und ich war sehr überrascht, als ich gefragt wurde, ob ich ihr Friseur werden möchte. Leider ging es damals nicht.



CUTwalk: Warum haben Sie das Angebot der Queen abgelehnt?

Trevor Sorbie: Ich hatte damals vier Salons und die Verantwortung für rund 100 Mitarbeiter. Das alles hätte ich aufgeben müssen, um die Queen auf ihren Reisen zu begleiten. Der Gedanke war zwar sehr verführerisch und ich habe mich über das Vertrauen sehr gefreut, aber ich hatte noch so viele Pläne, die ich verwirklichen wollte. Ich arbeitete sehr gerne mit vielen verschiedenen Menschen und bilde gerne aus. Darauf wollte ich ebenfalls nicht verzichten und habe das Angebot abgelehnt.

CUTwalk: Diese Entscheidung hat Ihrer Karriere ganz offensichtlich nicht geschadet. Sie haben inzwischen vier Salons in den besten Lagen. Arbeiten Sie in allen Salons?

Trevor Sorbie: Ja, ich arbeite in allen Salons, bin aber am häufigsten in Convent Garden anzutreffen. In meinen Salons in Brighton, Manchester und Hampstead habe feste Tage, an denen die Kunden bei mir Termine buchen können. Dieser Wechsel gefällt mir, ich arbeite gerne mit den unterschiedlichen Salonteams. Vor wenigen Wochen ist ein weiterer Salon dazugekommen in Richmond upon Thames. Der ist ebenfalls sehr schön.

CUTwalk: Sie sind nicht nur der erste Friseur, dem der M.B.E. verliehen wurde, sondern auch der erste Friseur, der vier Mal den ‚Britisch Hairdresser of the Year Award‘ gewonnen hat. Wie haben Sie das geschafft?

Trevor Sorbie: Ich mag Wettbewerbe und habe jedes Jahr um diesen Titel gekämpft. Man könnte behaupten, es ist eine großartige Leistung vier Mal zu gewinnen, aber man kann es auch anders betrachten: Ich habe mich 30 Mal beworben und 26 Mal verloren. Unser Handwerk ist das schönste der Welt und ich wurde mit Talent gesegnet. Das sehe ich nicht nur als meinen Verdienst.

CUTwalk: Sie entstammen einer Friseurfamilie?

Trevor Sorbie: Mein Großvater und mein Vater waren Friseure. In Illford in Essex im Osten von London hatte mein Vater einen Herrensalon mit zwei Bedienstühlen. Damals gehörte der regelmäßige Barber-Besuch für jeden Mann, der etwas auf sich hielt, zum Leben dazu, es war ein wöchentliches Ritual.



CUTwalk: War es Ihr Berufswunsch, Friseur zu werden?

Trevor Sorbie: Als ich mit 15 Jahren die Schule ohne Abschluss beendete, hatte ich keine Vorstellung, was ich machen wollte. Das einzige, was mir einfiel, war die Arbeit in der Fabrik als ungelernte Hilfskraft. Mein Vater bot mir ein Praktikum in seinem Salon an und nachdem ich feststellte, dass mir die Arbeit als Friseur sehr leicht fiel und Spaß machte, habe ich eine Ausbildung bei ihm begonnen. Mein Vater ist ein echter Schotte und zahlte mir 2 Pfund pro Woche und dafür habe ich sechs Tage in der Woche von 9 bis 19 Uhr gearbeitet. Für meinen ersten Haarschnitt habe ich 10 Pence erhalten. Heute bekomme ich 200 Pfund.

CUTwalk: Wann haben Sie begonnen für Vidal Sassoon zu arbeiten? Wie kam es dazu?

Trevor Sorbie: Nach meiner Ausbildung habe ich noch einen sechsmonatigen Kurs an der Richard Henry School of Hairdressing in London absolviert. Der damalige Schulleiter hat mir empfohlen, mich im besten Salon Londons zu bewerben, und das hat geklappt. 1972 bekam ich einen Job bei Vidal Sassoon und war vollkommen begeistert von Vidal, er ist ein großartiger Mensch, der Pionierarbeit geleistet hat und die Friseurbranche mit seinen Ideen revolutioniert hat. Seine geometrischen Looks wurden von Stil-Ikonen wie Mary Quant und Mia Farrow getragen und sein legendärer Bob schlug ein neues Kapitel in der Geschichte auf.

CUTwalk: Sie haben damals sehr schnell Karriere bei Vidal Sassoon gemacht. Wie ist ihnen das gelungen?

Trevor Sorbie: Vidal hat erkannt, dass ich seine Leidenschaft teile und schätzte meine Fähigkeiten. Er vertraute mir sehr bald seine prominenten Kunden an, darunter auch Rex Harrison und Paul McCartney und machte mich zum Artistic Director. Mit Vidal zu arbeiten war sehr inspirierend. In den 70er-Jahren habe ich die Haarschneidetechniken The Wedge, The Scrunch und The Wolfman entwickelt, die noch heute Anwendung finden.

CUTwalk: Vidal Sassoon ist mit seinen Haarschneidetechniken sehr reich geworden. Ist Ihnen das auch gelungen?

Trevor Sorbie (lacht): Nein, leider nicht, ich habe zwei sehr teure Scheidungen hinter mir und alle so genannten Altersreserven abgeben müssen. Das war damals hart und hat mich sehr runter gezogen, und es hat einige Zeit gebraucht, bis mir klar wurde, dass mir das Beste geblieben ist: meine Tochter Jade. Wie immer folgen auf schlechte Zeiten gute Zeiten und so war es auch bei mir. Heute lebe ich mit meiner langjährigen Partnerin Carol zusammen und bin glücklich mit ihr. Für meinen Lebensunterhalt muss ich arbeiten wie die meisten Menschen und das bis zum Schluss. Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich das vermutlich sowieso gemacht hätte, auch wenn ich sehr vermögend wäre. Im Augenblick kann ich mir nicht vorstellen, nicht mehr im Salon zu arbeiten, und das Projekt „My New Hair“ ist längst noch nicht abgeschlossen. Es gibt noch viel zu tun.

Lieber Trevor, herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses interessante Interview.

Instagram

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6