„Meine Tochter soll ihren eigenen Weg gehen“ Martina Acht

Wie harmonisch ist die Zusammenarbeit, wenn zwei Generationen im gleichen Salon arbeiten? Gefährdet die Arbeit unter einem Dach den Familienfrieden? Wer ist der Boss? Ist eine Ausbildung im elterlichen Betrieb zu empfehlen?Wann ist es Zeit, den Salon an die Nachfolgegeneration abzugeben? Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, traf die Redaktion der CUTwalk sich zum Interview mit Top-Stylistin Martina Acht und ihrer Tochter Josephine Acht-Kötter. Martina Acht führt den Familiensalon bereits in dritter Generation und gehört zu den Stars der Friseurbranche. Ihre Tochter hat gerade die Meisterprüfung absolviert und unterstützt ihre Mutter im Salon, bis sie ihre neue Stelle im Salon Kemper in München aufnimmt.

acht_1

CUTwalk: Frau Acht, Sie sind Friseurin in der dritten Generation und kennen alle Vor- und Nachteile, die sich aus der Zusammenarbeit mit den Eltern beziehungsweise Großeltern ergeben können, aus eigener Erfahrung. Jetzt arbeiten Sie gemeinsam mit Ihrer Tochter im gleichen Salon. Wie ist das für Sie?

Martina Acht:
Einfach himmlisch und ich genieße die Zeit, bis meine Tochter bei Friseur Thomas Kemper in München beginnt. Ich freue mich, dass sie sich für diesen Beruf entschieden hat, und noch mehr darüber, dass sie eine Friseurin ist, die ihren Beruf liebt. Schon als meine Tochter noch ganz jung war, habe ich mir geschworen, es meiner Tochter nie anzutun, mit mir im gleichen Salon arbeiten zu müssen. Dafür habe ich sie einfach zu lieb. Ich bilde mir ein, eine gute Friseurin zu sein, habe meine eigene Vorstellung von der Salonführung und möchte sie auch umsetzen. Es ist mein eigener Stil, der diesen Salon prägt und diesen Stil kann meine Tochter nicht übernehmen, das ist doch ganz klar, denn sie gehört einer anderen Generation an. Josephine ist ein sehr eigenständiger Mensch und das soll sie auch bleiben.

CUTwalk:
Josephine, Sie haben vor Kurzem die Meisterprüfung abgelegt und arbeiten zurzeit im Salon Ihrer Mutter. Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit?

Josephine Acht-Kötter:
Eigentlich ganz gut. Im Alltag haben wir gar nicht so viel miteinander zu tun. Im Salon arbeiten noch zwei weitere Meisterinnen, die die Kundinnen sehr gut kennen und jederzeit für mich da sind, wenn ich Fragen habe. Hin und wieder kommt auch meine Mutter vorbei und stellt die Wasserflasche ein wenig anders hin, schaut kurz, aber geht dann wieder an ihre Arbeit. Der Kontakt beschränkt sich eher auf die Begrüßung der Kundinnen. Meine Mutter weiß, wie ich arbeite und vertraut mir. Im Salon arbeitet ein sehr erfahrenes Team und ich bin froh, dass ich meine praktischen Fähigkeiten trainieren kann.

CUTwalk:
Frau Acht, Sie sind seit vielen Jahren auf den größten Bühnen der Friseurbranche aktiv und haben zahlreiche Kollektionen für L’Oréal Professionnel präsentiert. Ganz offensichtlich macht Ihnen dieser Beruf große Freude. Wie groß war der Einfluss Ihrer Eltern auf Ihre Berufswahl?

Martina Acht:
Eigentlich wollte ich eine Ausbildung in der Bank machen. Ich habe mich schon sehr früh für das Finanzwesen interessiert und wollte daher auch mein Praktikum in einer Bank machen. Leider hat sich damals keine der Banken bereit erklärt, mir eine Woche lang Einblick in diesen Beruf zu geben. Mein Vater hat diese Chance genutzt und mich bestochen: Er hat mir ein Mofa versprochen, wenn ich ein Praktikum in einem Friseursalon mache. Obwohl ich auf keinen Fall Friseurin werden wollte, weil ich bei meiner Mutter und meiner Großmutter gesehen habe, wie hart dieser Beruf ist, habe ich mich darauf eingelassen. Für eine Woche Praktikum ein Mofa zu bekommen, schien mir dann doch sehr attraktiv. Natürlich wollte ich in einen guten Salon und deshalb habe ich mir einen Friseur ausgesucht, der sehr erfolgreich war und bereits Europameisterschaften und Ähnliches gewonnen hatte.

acht_2

CUTwalk:
Hat dieses Praktikum Ihre Einstellung zum Friseurberuf geändert?

Martina Acht (lacht):
Hat es, aber eher zufällig und auf Umwegen. Im Rahmen des Praktikums habe ich alle Aufgaben zugeschoben bekommen, die Praktikanten damals machten: Mäntel halten, Haare waschen, Aschenbecher ausleeren und Boden fegen. Das kannte ich nur zu gut aus dem Salon meiner Mutter und war deshalb alles andere als begeistert. Das ist dem Saloninhaber natürlich nicht entgangen und deshalb war er der Meinung, dass ich noch einmal über meine Berufswahl nachdenken sollte. Er war Friseur mit Herz und Seele und nahm regelmäßig an Präsentationen teil. Als ihm dann ein Model für eine Show ausfiel, fragte er mich, ob ich bereit wäre, mich als Model zur Verfügung zu stellen und meine Haare abschneiden und färben zu lassen. Darauf habe ich mich sofort eingelassen und noch 50 Mark Entlohnung herausgepokert. Als er mich in einem roten Ferrari von zuhause abholte, war ich total erstaunt, wie viel Geld in dieser Branche zu verdienen ist. Und dann passierte es: Ich erlebte meine erste Bühnenshow und war völlig begeistert. Das hat mich so fasziniert, dass ich einen älteren Herrn, der zufällig neben mir saß, gefragt habe, was man machen muss, um auf die Bühne zu kommen. „Deutscher Meister werden“, war seine kurze Antwort und obwohl ich damals noch gar nicht genau wusste, was dahinter steckt, hatte ich ein Ziel, das ich mit sehr viel Eifer verfolgte.

CUTwalk:
Wie haben Ihre Eltern das aufgenommen?

Martina Acht:
Als ich nach der Show nach Hause kam, hat mein Vater mir die Tür geöffnet und ich hatte Bedenken, dass ihn der Schlag trifft. Meine Haare waren abgeschnitten, kupferblond gefärbt und außerdem war ich grell geschminkt. Ich sah nicht aus wie 15, sondern wie 25. Mein Vater war geschockt. Natürlich war mir das nicht angenehm und ich habe versucht, mich so schnell wie möglich an ihm vorbeizudrücken. „Ich will deutsche Meisterin werden“, habe ich ihm gesagt und er war zwischen meiner Begeisterung und meinem Aussehen hin und her gerissen. Das war der Tag, an dem mein Blickfeld auf das Berufsbild Friseur vollkommen ins Gegenteilige umgeschlagen ist: Ich habe nicht nur die Dienstleistung, sondern eher die Kreativität gesehen und dafür den Rest in Kauf genommen. Nach der mittleren Reife bin ich direkt in den Beruf eingestiegen und war mit 22 selbstständig.

CUTwalk:
Josephine, hat Ihre Mutter mit ähnlichen Tricks Ihre Berufswahl beeinflusst?

Josephine Acht-Kötter:
Ich glaube schon, auch wenn ich mir damals eingebildet habe, mich ganz allein für den Beruf entschieden zu haben. Als ich 14 Jahre alt war, hat meine Mutter mich zur Alternative Hair Show nach London mitgenommen. Wochenlang hatten wir die Show in London vorbereitet. Unter anderem gab es einen Hirsch in der Show und wir haben lange gebraucht, bis wir ein Geweih aufgetrieben hatten. Heute sind die „in“, aber zu der Zeit nicht. In London habe ich den ganzen Tag assistiert, Klammern gehalten und geholfen, so gut ich konnte. Ich war völlig begeistert von dem Treiben hinter den Kulissen. Und dann kam der große Augenblick, auf den wir alle gewartet hatten: Die Show-Musik wurde eingespielt und „Martina Acht, Germany“ wurde angekündigt. Das war so ergreifend, dass ich angefangen habe vor Freude zu weinen. Das war für mich der Augenblick, in dem ich beschlossen habe, nach der mittleren Reife Friseurin zu werden, und ich glaube, etwas Besseres hätte mir nicht einfallen können.

CUTwalk:
Haben Sie die Ausbildung im Salon der Mutter gemacht?

Josephine Acht-Kötter:
Nein, ich bin mit 17 direkt nach der Schule in die Pivot Point Akademie in Obrigheim bei Mosbach gegangen. Dort hatte ich ein Jahr Unterricht, halb im Lehrsalon, halb theoretisch. Die Ausbildung war manchmal ganz schön stressig, weil die Dozenten ihren Job sehr genau nehmen und peinlich darauf achten, dass die Schnitte perfekt sind. Wir wurden wirklich getrimmt, da stand kein Haar mehr über, das war Millimeterarbeit. Gemessen an der üblichen dreijährigen Ausbildung erscheint ein Jahr sehr kurz, aber wir haben sehr viel gelernt, die Betreuung war wirklich intensiv. Nach ein wenig mehr als einem Jahr habe ich meine Gesellenprüfung gemacht. Da das deutsche Gesetz es nicht zulässt, nach einem Jahr die Prüfung zu machen, sind wir mit dem gesamten Kurs und sämtlichen Models für einige Tage in die Steiermark gefahren und haben dort die Prüfung vor der Handwerkskammer abgelegt.

CUTwalk:
Und dann haben Sie gleich im Anschluss die Meisterprüfung angehängt?

Josephine Acht-Kötter:
Nach der Gesellenprüfung war ich wieder einige Zeit im Salon meiner Mutter, um noch mehr Praxis zu bekommen und schneller zu werden. Als meine Mutter und meine Kolleginnen der Meinung waren, dass ich gut genug für den Meisterkurs bin, war ich erneut einige Monate bei Pivot Point und habe die Meisterprüfung mit Erfolg abgeschlossen. Gleich danach habe ich meine Arbeit im Salon meiner Mutter aufgenommen, weil mir die Salonarbeit wirklich Spaß macht und mir sehr viel bringt. In wenigen Tagen beginne ich bei Thomas Kemper in München und freue mich sehr darauf. Im Salon meiner Mutter habe ich sehr viel gelernt und jetzt ist es an der Zeit, es umzusetzen und Neues zu lernen.

CUTwalk:
Frau Acht, Sie sind nicht nur Deutsche Meisterin geworden, sondern sogar mehrfache Europameisterin und schließlich Weltmeisterin. War dieser Titel der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Martina Acht:
Nein, das war er nicht. Ich habe mit 16 angefangen und mit 29 als Weltmeisterin aufgehört, das waren 13 Jahre. Ich habe mir immer vorgestellt, dass es nichts Schöneres gibt, als Weltmeisterin zu werden. Doch als ich den Pokal in meinen Händen hatte, habe ich eigentlich gar nichts gespürt. „War das alles?“, habe ich mich gefragt. Dieses Gefühl war schließlich der Auslöser, mich aus den Wettbewerben zurückzuziehen. Als ich Jahre später meine Tochter in den Arm gelegt bekommen habe, da habe ich das gespürt, was ich bei der Übergabe des Weltmeisterpokals spüren wollte. Wirklich stolz bin ich auf mein Kind, und alles andere war extrem viel Fleiß und viel Freude, mit Menschen zusammen zu sein.

CUTwalk:
Sind Sie auch schon gemeinsam auf der Bühne aufgetreten?

Martina Acht:
Ja, das sind wir, denn Bühnenerfahrung ist wichtig. Vor der Herbsttournee für die neueste Kollektion von L’Oréal Professionnel habe ich nachgefragt, ob ich meine Tochter mitnehmen kann, und bekam die Erlaubnis. Schon hinter der Bühne haben Josephine und ich einige Absprachen getroffen, um gleichzeitig fertig zu werden und das Publikum während unseres Auftritts ein wenig zu unterhalten. Und das hat wunderbar geklappt, die Präsentation war erfolgreich und wir haben beide gleichzeitig den Umhang abgenommen. Das war kaum zu glauben: Die erste Präsentation meiner Tochter und sie zeigte selbst vor 200 Fachleuten keine Spur von Nervosität. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Josephine Acht-Kötter:
Oh, doch. Am ersten Tag war ich noch cool, habe rumgetönt und meiner Mutter gesagt, sie soll sich locker machen. Am ersten Tag musste ich ja noch nicht viel machen außer Haare schneiden und das habe ich konzentriert gemacht. Ich wusste ja, dass meine Mutter mit auf der Bühne steht und das Reden auf der Bühne notfalls auch ganz allein übernehmen kann. Am nächsten Tag war dann alles anders: Wir hatten mehr Publikum, viele Chefs von L’Oréal Professionnel waren da und dann bekam ich auch noch ein Mikro umgehängt. Ich habe gedacht, mir bleibt die Luft weg. Am liebsten wäre ich gar nicht rausgegangen. Aber dann wurden wir aufgerufen und es gab kein Zurück mehr. Ich habe geschnitten und musste nebenbei die Haarfarbe und den Schnitt erklären. Ich dachte, dass jeder merkt, wie nervös ich bin, und konnte mich nur schwer beruhigen. Aber schließlich hat dann doch alles noch geklappt.

acht_4

CUTwalk:
Josephine, du bist jung und trotzdem schon erfolgreich. Mit deinen 19 Jahren hast du schon einiges erreicht: eine Friseurausbildung, den Meistertitel und den LUCA Coiffeur Master of Art. Hast du vor, in die Fußstapfen deiner Mutter zu treten?

Josephine Acht-Kötter:
Das ist eine schwierige Frage, aber ich denke, ich werde meinen eigenen Weg gehen. Ich liebe Mode und schöne Haare, doch sehe ich mich mehr auf der Suche nach neuen Trends als beim Preisfrisieren. Das ist auch der Grund, warum ich im September an einem zweiwöchigen LUCA-Seminar (L’Oréal’s University of Creativity and Artistry) an der Universität der Künste in Berlin teilgenommen habe. In Zusammenarbeit mit Professoren und Designern der Universität haben wir eine Schulung in Sachen Trendfindung, Trendumsetzung und Trendinszenierung bekommen. Bei der Trendfindung ging es erst einmal überhaupt nicht um Frisuren. Wir sollten in der Stadt alles fotografieren, was uns gefiel. Egal was. Ich war selber erstaunt, als bei der Bildauswertung mehr als deutlich wurde, dass es mir gar nicht bunt genug sein kann. Dieses Seminar hat mir sehr viel gebracht. Ich habe gelernt, aufmerksamer zu sein, die Umwelt bewusster wahrzunehmen, mehr auf Kleinigkeiten zu achten und daraus neue Ideen rund um Mode und Frisuren zu entwickeln.

CUTwalk:
Frau Acht, obwohl Ihr Salon nicht in einer großen Metropole liegt, haben Sie schon sehr berühmte Persönlichkeiten gestylt. Auch Angela Merkel gehört dazu. Wie ist es dazu gekommen?

Martina Acht:
Ich wurde empfohlen. Frau Dr. Merkel brauchte ein Styling hier im Rhein-Main-Gebiet, als George Bush in Mainz zu Besuch war. Weil mein Salon eine Glasfront über drei Etagen hat, fiel mein Salon durch die Prüfung der Sicherheitsbeamten und deshalb habe ich Frau Merkel in ihrer Hotel-Suite am Flughafen getroffen. Ein aufregender Tag, der es in sich hatte. Es war Schneegestöber und als ein sehr runtergekommenes Taxi vorfuhr, habe ich gedacht: „Das darf doch nicht wahr sein. Ausgerechnet heute!“ Ich musste den Taxifahrer mit Engelszungen überreden, mich zum Sheraton Hotel am Flughafen zu bringen, obwohl die Zufahrt wegen des Bush-Besuchs gesperrt war. Ich hatte den Auftrag, die Taxinummer durchzugeben, damit das Taxi passieren konnte. Der Taxifahrer hat die ganze Fahrt vor sich hingesprochen und dachte wohl, ich spinne. Als wir an den Kontrollpunkt kamen, wurden wir vom Sicherheitsdienst durchgewunken. Der Taxifahrer guckte mich verdutzt an und fragte: „Sage Sie mal, wer sind denn Sie?“ Ich hatte rund eine halbe Stunde für Haare und Make-up. Frau Merkel ließ mir freie Hand und ich denke, das Ergebnis war sehr zufriedenstellend. Sie ist so was von herzlich und nett. Als ich fertig war, habe ich mich auf ein schönes, sauberes Taxi gefreut. Als ich raus kam, herrschte immer noch Schneegestöber und ich hörte meinen Taxifahrer schreien: „Die hab ich gebracht und die fahr ich auch wieder ins Niemandsland!“ Und dann schaute mich der Sicherheitsbeamte an: „Woher kommen Sie denn?“ Und dann sagte ich: „Ist nur Offenbach.“ (lacht)

Josephine Acht-Kötter:
Ich kann mich noch sehr gut an den Schrei erinnern, als meine Mutter einen Kommentar von Stefan Raab über das Treffen mit George Bush und Angela Merkel am Abend im Fernsehen hörte: „Angela Merkel hat sich heute mit George Bush getroffen und sie hat ausgesehen wie eine Frau!“ Ich war ganz schön stolz auf meine Mutter, denn so was erlebt man nicht alle Tage.

CUTwalk:
Frau Acht, Sie sind eine der ersten Absolventinnen des neuen bundesweiten Programms „Freude am Leben – Das Haarprogramm für Krebspatientinnen“. Was genau beinhaltet dieses Programm?

Martina Acht:
Das Programm wurde von der gemeinnützigen Gesellschaft DKMS Life in Kooperation mit L’Oréal Professionnel ins Leben gerufen. Ich war eine der ersten 20 Friseurinnen, die an diesem Programm teilgenommen haben. Das Haarprogramm wird nur von geschulten Friseuren mit dem Ziel angeboten, Krebspatientinnen auch im Hinblick auf das Thema Haar neues Selbstwertgefühl und Lebensfreude zu vermitteln. Die Diagnose Krebs kann jeden treffen und ich möchte den Krebspatientinnen mit Zweithaarfrisuren die Schönheit erhalten, damit die Frauen sich nicht auch noch ständig um ihr Äußeres kümmern müssen. Es reicht doch schon, dass jemand die Diagnose Krebs verkraften muss. Wenn ich als Friseurin dazu beitragen kann, das Leben ein wenig schöner zu machen, nehme ich die Gelegenheit wahr, deshalb bekommen Krebskranke bei mir sofort einen Termin – auch am gleichen Tag in der Mittagspause oder nach Geschäftsschluss. Es ist wichtig zu wissen, wie die Kundin vor der Therapie ausgesehen hat, um die richtige Perücke zu finden, die der vorherigen Frisur entspricht. Es gibt jedoch auch Kundinnen, die möchten nach der Diagnose ganz anders aussehen und dann wählen Frauen mit langem Haar oft eine Kurzhaarfrisur. So wie Kylie Minogue, die nach ihrer Erkrankung eine Weile einen Bubikopf trug. Der tiefe Wandel, der sich durch die Krankheit vollzieht, kommt auf sehr unterschiedliche Weisen zum Ausdruck.

acht_3

CUTwalk:
Haben Sie im Rahmen Ihrer Ausbildung beim DKMS auch den Umgang mit krebskranken Menschen gelernt?

Martina Acht:
Ja, und das ist auch wichtig. Wenn die Kundinnen die Perücken sehen, fließen oft Tränen, die Frauen sind am Boden zerstört. Sie haben die Befürchtung, mit den Haaren ihre Schönheit und Weiblichkeit zu verlieren. Viele haben Angst um ihr Leben und Angst davor, ihre Partner zu verlieren. Es gibt so viele Dinge, die in dieser Zeit bewältigt und verkraftet werden müssen, da helfe ich gerne ein wenig mit einer Perücke und mit Tipps für das Make-up. Es ist schlimm genug, dass die Krankenkassen nicht die vollen Kosten für die Perücke übernehmen, obwohl es nicht um Luxus, sondern um eine absolute Notwendigkeit geht. Zu den schönsten Augenblicken gehört der Tag, an dem die Perücke abgelegt werden kann, weil die Haare wieder nachgewachsen sind.

CUTwalk:
Frau Acht, Sie waren schon mit 22 Jahren selbstständig und haben Ihren Platz in einer schicken Jugendstil-Villa in Offenbach gefunden, die nach Ihren Entwürfen gebaut wurde. Gibt es schon Gedanken, Josephine den Salon zu übertragen?

Martina Acht:
Im Augenblick nicht, aber nachgedacht habe ich darüber schon einige Male. Ich bin jetzt Mitte 50 und kann mir vorstellen, den Salon in fünf bis sechs Jahren an meine Tochter abzugeben, sofern sie ihn haben will. Es gibt so viele Orte auf der Welt, die sich für einen Friseursalon eignen. Von mir kann sie in jedem Fall Unterstützung erwarten. Auch ich bin immer von meinen Eltern und Großeltern unterstützt worden und wäre heute nicht da, wo ich bin, wenn ich meine Familie nicht gehabt hätte. Das habe ich mein ganzes Leben lang genossen und ganz besonders in den Zeiten, in denen nicht immer alles so lief, wie es sollte. Aber die Entscheidung, wann und wie ich meinen Salon an meine Tochter abgebe, hat noch ein wenig Zeit. Und ob ich dann die Gäste in Josephines Salon begrüße, so wie es meine Mutter viele Jahre lang in meinem Salon gemacht hat, weiß ich heute auch noch nicht.

Liebe Frau Acht, liebe Josephine, herzlichen Dank für das Interview,
es hat sehr viel Spaß gemacht.

 

Instagram

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6