Anja Gockel „Gemeinsam“ ist das Zauberwort!

Ihr natürliches Lächeln und ihre herzliche, authentische Art nehmen uns vollkommen ein, als sie die Tür Ihres Ateliers in Mainz öffnet. Die „Designerin des Jahres 2017“ spricht mit uns über ihre Kollektionen, Ihre Ideen, Frisuren und… über den Wirbel im Backstage-Bereich der Fashion Weeks!

CUTwalk: Guten Tag Frau Gockel! Vielen herzlichen Dank, dass Sie sich so kurz vor der Mercedes-Benz Fashion Week noch die Zeit für unser Exklusiv-Interview nehmen.  

Anja Gockel: Sehr, gerne!

CUTwalk: Wir legen gleich los. Sie haben nach dem Abschluss an der Fachhochschule in Hamburg, Ihren Master in London an der Central Saint Martins College of Art and Design gemacht. Es ist bekannt: Von 1000 Bewerbern werden lediglich 10 angenommen. Wie würden Sie Ihre Zeit in der berühmtesten Modeschule der Welt beschreiben? 

Anja Gockel: Nun, die Modeschule birgt auf ihren labyrinthartigen Korridoren das Who's Who der zeitgenössischen Modeschöpfer: John Galliano, Alexander McQueen oder beispielsweise Stella McCartney, mit der ich zur gleichen Zeit das College besucht habe. Die schulische Ausbildung war eine einzigartige Erfahrung und hat die entscheidenden Weichen für meine Zukunft gestellt. Im Anschluss daran habe ich bei Vivienne Westwood gearbeitet.

CUTwalk: Die Arbeit bei Vivienne Westwood steht in der Modebranche für den Zenit der Leistungsgrenze, was kreatives und künstlerisches Schaffen angeht. Wie haben Sie die Zeit empfunden?

Anja Gockel: Diese intensive Lebensphase hat mich sehr stark geprägt und es war eine sehr tolle Zeit, die ich auf gar keinen Fall vermissen möchte. Natürlich waren die Aufgaben sehr anspruchsvoll, aber ich wurde von meinen Eltern nach dem Prinzip „schneller, höher, weiter“ erzogen und bin sicher, dass ich nicht zuletzt dadurch, die großen Herausforderungen so gut meistern konnte. 

CUTwalk: Gab es bei Vivienne Westwood einen Moment, der Sie entscheidend geprägt hat?

Anja Gockel: Ja, auf jeden Fall. In der Zeit vor den Modeschauen hat man bis zu 100 Stunden in der Woche gearbeitet. Das war wirklich hart und diese Tatsache, muss ich sagen, hat mich insofern geprägt, dass ich danach für mich beschlossen habe: Leistung? Ja! Und auch an die Grenzen… Aber 100 Stunden in der Woche und manchmal auf Dauer, ist über die Grenzen hinaus. Daher wusste ich ganz genau: Wenn ich einmal ein eigenes Label habe, möchte ich, dass meine Mitarbeiter geregelte Arbeitszeiten haben.

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CUTwalk:
Sie haben Ihr Elternhaus erwähnt. Spielte Ihre Erziehung eine entscheidende Rolle in Ihrem Werdegang?

Anja Gockel: Ja, natürlich. Ich hatte eine wunderbare Kindheit und sehr liebevolle Eltern, die mich immer unterstützt und gefördert haben. Ich bin meinen Eltern heute sehr dankbar dafür, dass sie mich stets motiviert haben, an meine Grenzen zu gehen und sogar über sie hinauszuwachsen. Ein Beispiel: Mein erster großer Artikel erschien 1994 auf einer Doppelseite im Modemagazin Elle. Die einzige Frage meiner Mutter bezüglich dessen war: Warum ist es nicht die Vogue? (lacht) 

CUTwalk: Die Eltern sind manchmal die härtesten Kritiker. Im Jahr 1994 ist es Ihnen gelungen den internationalen Philipp-Morris-Wettbewerb „Parliament of Fashion“ zu gewinnen. Wie wichtig war das für Sie?

Anja Gockel: Es war ein ganz besonderes Ereignis, denn gleich darauf hatte ich meinen eigenen Messestand auf der internationalen Modemesse in Paris. Im Anschluss daran präsentierte meine erste Kollektion „Lucy in the sky“ bei einer großen Modenschau in Düsseldorf, die dort mit Standing- Ovations gefeiert wurde. Die Kollektion war wahnsinnig verrückt, weil schillernd, weil transparent und untragbar – aber schön! Währenddessen merkte ich zum ersten Mal, dass ich meinen eigenen Spirit leben möchte und leben kann.

CUTwalk: Das bedeutet, das große Geld haben Sie erst einmal nicht verdient, denn vermutlich konnten Sie kaum ein Outfit verkaufen. Wann genau hatten Sie Ihre ersten Kunden?

Anja Gockel: Das war 1996 in Paris, als ich mich mit meinem eigenen Label selbstständig gemacht habe. Es waren gerade eine Handvoll Kunden, aber so fing alles dann ganz, ganz langsam an. Ich lebte zu dem Zeitpunkt immer noch in London und als ich 1998 meinen ersten Artikel über eine halbe Seite in der FAZ veröffentlichen konnte, titelte sie „Das Bett unter dem Schneidetisch“. Es war wirklich so, dass ich den Platz auf meinem Bett genutzt habe, um dort eine Holzplatte aufzulegen. Und das war dann mein Schnitttisch, auf dem die einzelnen Stücke entstanden sind. Zu dieser Zeit war das natürlich ein cooles Leben, aber natürlich nichts, was man auf Dauer haben will.

CUTwalk: War das auch der Grund, weshalb Sie im Jahr 2000 von London nach Mainz gekommen sind?

Anja Gockel: Nein (lacht). Ich bin zurück nach Mainz, weil mein Mann mir einen Heiratsantrag gemacht hat.

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CUTwalk:
Romantik pur! 

Anja Gockel: Das ist richtig! Ich muss sagen: Im Nachhinein hat mir das Schicksal da einen guten Streich gespielt. In London ist das Leben sehr hektisch und unsagbar teuer. Jetzt leben wir mit unseren vier Kindern hier in Mainz, sehr viel schöner, fernab von der Metropole, die knapp 9 Mio. Einwohner zählt.

CUTwalk: Also keine Reue… 

Anja Gockel: Im Gegenteil! Im Jahr 2000 habe ich hier mein Label so inszeniert, wie ich mir das gewünscht habe. Wir sitzen hier in einer Art Künstlerarrangement und sind seit 17 Jahren an diesem Standort. 2012 ist es uns dann gelungen, unseren angrenzenden Shop zu eröffnen. Und trotz der vermeintlichen Ferne zu den Modemetropolen, ist es wirklich erstaunlich, wie pointiert man seine Kunden betreuen und ihre Zufriedenheit erreichen kann. 

CUTwalk: Es sind schließlich auch kreative Mode und ein renommierter Name der hinter allem steht. Wie entstehen eigentlich die Ideen für Ihre Kollektionen?

Anja Gockel: Ich lasse mich von Dingen inspirieren, die tatsächlich gelebt werden und aus dem täglichen Leben sind. Die neueste Kollektion für die Mercedes-Benz Fashion Week „Vincent“ ist beispielsweise von Vincent Van Gogh inspiriert. Es sind aber nicht die Gemälde, die meine Kollektion prägen. Vielmehr ist es seine Persönlichkeit und seine Lebensart, die mich inspirieren. 

CUTwalk: Es sind also nicht die visuellen, sondern vielmehr die emotionalen Elemente einer Persönlichkeit?

Anja Gockel: Das ist absolut richtig! Heute ist er ein berühmter Maler, der aber zu seiner Zeit ein Außenseiter war und von der Gesellschaft für verrückt gehalten wurde, obwohl er hochbegabt war und seiner Vision gefolgt ist. Ich denke, wir leben in einer Zeit, in der wir mit der breiten Masse schwimmen. Eigentlich benötigen wir viel mehr Individualität, denn Individualisten verankern eine Gesellschaft. Sie bescheren uns neue Sichtarten. Und das interpretiere ich im Fall von Vincent van Gogh in meine Kollektion, indem ich die Freiheit des Gedankens integriere. 

CUTwalk: Dann umfassen Ihre Kollektionen sehr philosophische Ansätze...

Anja Gockel: Ja, schon. Die Winter-Kollektion „No room for doubts“ (dt. „kein Raum für Zweifel“), ist ein Liedtitel der Ausnahmekünstlerin Lianne La Havas. Ich fand den Titel so inspirierend, dass ich drei Tage vor der Wahl in Frankreich, das dunkelhäutige Model Aminata Sanogo in einem riesigen Brautkleid mit der Europaflagge über den Laufsteg geschickt habe. Ich wollte 1600 Menschen darauf aufmerksam machen, dass wenn Frankreich kippt, wir tatsächlich alleine dastehen und sich die politische Lage in Europa extrem verschärft. 

CUTwalk: Empfinden Sie es als Designerin wichtig, mit Ihrer Mode politische Statements zu setzen?

Anja Gockel: Ja. Aber ich finde es generell wichtig, dass wir eine Meinung und einen Standpunkt beziehen. Ich glaube, das ist der einzige Halt den unsere Gesellschaft hat und haben muss, damit wir nicht von generalisierten Aussagen beeinflusst und gesteuert werden. Je mehr Individualisten wir haben, die Stellung beziehen, desto stabiler wird meiner Ansicht nach eine Demokratie. Gerade in dem letzten Jahr merken wir, wie zerbrechlich sie manchmal ist, obwohl sie bis dahin immer so selbstverständlich für uns war. Wir können in unserer Gesellschaft nur verrückte Klamotten und ausgefallene Frisuren tragen, wenn wir in unserer Demokratie und damit frei bleiben. Ich will als Designerin also mein Medium nutzen, um die Menschen zu erreichen, ein Statement zu setzen und Menschen vor allem sichtbar zu machen. Ich finde wir müssen einfach frei bleiben: Im Kopf und in jeder Hinsicht! Daher bin ich offen für alles und zelebriere meine Freiheit in meinen Kollektionen. 


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CUTwalk:
Jetzt steht man doch aber als internationale Designerin sicherlich auch einmal unter Zeitdruck. Aktuell sind es noch 3 Wochen bis zu Mercedes-Benz Fashion Week…

Anja Gockel: Ja (lacht). 10% haben wir bisher (lacht). Aber ich bin absolut ruhig, da das eigentlich üblich ist und ich auch ganz genau weiß, wie sehr ich mich auf mein Team verlassen kann. Gerade die Modeschauen leben von der Energie in meinem Team. Wir kennen uns alle sehr gut, harmonieren blind und ziehen alle gemeinsam an einem Strang. 

CUTwalk: Heißt das für Ihre Mitarbeiter, dass sie vor den Fashion-Weeks auch 100 Stunden in der Woche arbeiten?

Anja Gockel: Eben nicht! Ich glaube fest daran, dass das Liefern auf Dauer, inhaltlich besser funktioniert, wenn man Ruhephasen hat. Das habe ich mir ganz groß auf die eigene Fahne geschrieben, sodass lediglich die letzten zwei Tage vor der Modenschau etwas länger gehen. 

CUTwalk: Zu den Fashion-Weeks und den Frisuren. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit den Friseuren tatsächlich aus?

Anja Gockel: Wir arbeiten seit drei Jahren mit Salvatore Caserta (Compagnia della Bellezza) zusammen. Traditionell machen wir es so, dass wir uns während den Anproben, etwa 1–2 Wochen vor der Fashion-Week treffen. Das ist immer ein spannendes Potpourri aus dem was man gesehen hat und was man einmal ausprobieren möchte. Manchmal blicken wir auch auf die Kleidung und schauen, ob sich daraus nicht ein Element ergibt, was sich dann auf die Haare übertragen lässt. Das kann eine Struktur oder eine Form sein. Oft ist es aber auch die Atmosphäre der Kollektion, die dann die Frisur bestimmt. 

CUTwalk: Und wie das dann Backstage kurz vor den Shows?

Anja Gockel: Für mich eigentlich der aufregendste Part (lacht). Zu dem Zeitpunkt weiß ich ganz genau, wie das Ganze auszusehen hat: Da müssen die Kollegen auch manchmal ganz kurz die Ohren anlegen und Vollgas geben, da mir dann in der Straßenbahn oder sonst wo ein kleines Detail einfällt, worin sich die Kollektion dann noch besser entfaltet. Das Team reagiert wirklich sehr professionell und bekommt das es sehr gut hin. Am Schluss sind die Looks der Kollektion ein harmonisches Zusammenspiel, da alle Elemente die gleiche Sprache sprechen. Die Friseure bewahren immer die Ruhe, weshalb ich Salvatore und sein Team wirklich sehr gerne um mich habe. Natürlich dürfen sich Haare und Make-up dabei nicht in den Vordergrund spielen. Das ist sehr gefährlich, denn sie dürfen nicht gegen die Kleidung arbeiten, sondern müssen sie ergänzen und unterstreichen. Dieses harmonische Zusammenspiel wird dann in der letzten Phase im Backstage Bereich austariert. 

CUTwalk: Herzlichen Dank für Ihre Zeit und die vielen Eindrücke! Wir sehen uns dann in Berlin!


www.anja-gockel.com

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