SCHOREM Die Mutter aller Barbershops!

SCHOREM – das sind Bertus und Leen.Sie schneiden seit ihrem 14. Lebensjahr Haare, sind ewige Kumpels und haben vor etwa sechs Jahren ihren Barbershop eröffnet: Schorem, also exakt übersetzt – so Bertus – heißt das einfach „Arschloch“*.

*Anmerkung der Redaktion: Schorem (NL) bedeutet das ‚gemeine Volk‘ und ist mit ‚Gesindel‘ zu übersetzen. Für die größere Authenzität des Interviews wird die wörtliche Widergabe von Bertus, der Schorem mit ‚Arschloch‘ ins Deutsche übersetzt, übernommen.


CUTwalk:
Vielen Dank Euch beiden, dass wir uns hier im Schorem Barbershop mitten in Rotterdam treffen können. Erzählt doch gleich, wie Ihr gestartet seid.

Bertus: Als Leen und mir klar war, wir wollen unseren eigenen fucking Laden haben, da ging es zuerst um den Namen. Aber lass´ mich doch einfach die gesamte Geschichte erzählen... Wir haben hier einen Shop mit einer klaren Haltung und einer klaren Ausstrahlung. Und ja – wir haben ein verdammtes Hintergrundwissen im Friseurwesen, wir kennen uns aus, mit Models, mit Fotos und Glanzmagazinen. Unser Barbershop Schorem war einfach eine klare Antwort auf die gesamte Friseurindustrie. Als wir den Shop bauten, haben wir die Fenster komplett weiß gestrichen, Du konntest also nicht reinsehen und an der Tür war ein Schild mit der Aufschrift „Männer, Hunde, keine Frauen“. Und prompt war eine Scheißdiskussion in der Stadt, was uns schon enorme Publicity brachte. Als wir fertig waren, haben wir die Fenster gesäubert und man konnte einen richtig schönen authentischen Barbershop sehen. 

 


Leen:
Wir eröffneten in der Zeit, als die Männer mit diesem Scheißhaarschnitt rumliefen, der sie wie ein gerupftes Huhn aussehen ließ. Die Jungs waren zu dieser Zeit komplett verloren. Die Frauen bestimmten, wie sie ihren Mann haben wollten. Wenn du als Mann in einen Friseursalon gehst und es wird gefragt: ‚Wie soll Dein Schnitt sein?‘ und Deine Frau antwortet, wie er sein soll… das ist doch Fuck! Oder kennst Du die Situation, wenn eine Gruppe Männer am Diskutieren ist und Witze erzählt und dann plötzlich eine Frau dazu kommt – diese Ruhe, die dann plötzlich herrscht? Why?! Wir wollten einen Barbershop für Typen, für Kerle.


Bertus:
Weißt du noch, als wir unseren Laden mit dem Namen Schorem bei der Handelskammer anmelden wollten... die meinten nur: ‚Oh, ich bin mir nicht sicher, ob wir das so machen können!‘. Stell´ Dir vor, Du machst in Deutschland einen Laden auf, mit großen Buchstaben – ARSCHLOCH – im Fenster? Meine Mutter hat geweint, als ich ihr sagte, wie unser Laden heißen soll. Aber in einer Nacht, in der ich viel Bier getrunken hatte, ist mir das einfach eingefallen. Bin am Morgen danach zu Leen und sagte ihm: ‚Unser Laden wird Schorem heißen!‘ und Leen meinte nur: ‚O.K.! Aber mit dem Zusatz: Haareschneiden & ein Bier! Perfekt!‘.


Leen:
Auf was ich heute besonders stolz bin ist, dass wir von Anfang an und bis heute alles selber machen. Schau‘ mal die Poster. Die haben wir gemacht, um klar zu zeigen, welche Schnitte wir anbieten. Es war sonst so schwierig zu erklären. Da sind keine hübschen Jungs abgebildet, weil wir die Poster nicht für Frauen machen. Ganz einfach. Es sind Typen, die nicht durch den Haarschnitt Kerle sind, sondern die es sowieso sind. Ein Kumpel von mir ist ein fetter Chinese mit Brille. Als ich ihn fragte, ob er unser Model sein will, hat er mich nur fragend angesehen. Wir haben im Hinterzimmer die Fotos geschossen, keine Bildbearbeitung nichts. Nur das reine Foto. Mein Kumpel war so authentisch, er war perfekt. So machen wir unsere Poster. Als wir unsere Fotos auf unsere Facebook Seite gepostet haben, explodierten unsere Likes. Plötzlich kannte die ganze Welt unseren Barbershop, mitten in Rotterdam. 


Bertus:
Und mein Kumpel hier fuhr mit seinem Fahrrad vier bis fünfmal am Tag zur Post, um die georderten Poster zu versenden. Der kam sich vor, wie Santa Claus. Was wir hier angeschoben haben, war uns nicht klar. Wir hatten keine Ahnung vom „Wiederbeleben des Mannes“, oder was auch immer. Wir bewegten uns einfach in die richtige Richtung. 


CUTwalk:
Wie rekrutiert Ihr Eure Mitarbeiter, damit die auch zu Schorem passen?


Bertus:
Keiner, der bei uns im Shop arbeitet, hat sich ausgesucht ein Barber zu sein. Als es soweit war, unseren ersten Mitarbeiter zu finden, sind wir erst einmal – wie wir das immer tun – zum Nachdenken in die Bar. Auf dem Weg dorthin haben wir einen Jungen gesehen, so einen nervösen, hektischen Typ, der jeden anspricht und jeder freut sich und lacht mit ihm. Wir haben uns nur gegenseitig angeschaut und uns war klar, der ist es. Wir gingen zu dem Typ hin und haben ‚Hey!‘ gesagt. ‚Hey, willst Du Barber werden?‘ Er meinte nur, er wolle kein Friseur sein. Wir haben ihm dann erklärt: ‚Nein, nein, nein... ein Barber. Wir bringen Dir diese Handwerkskunst bei. Sobald Du die gelernt hast, wird es in Deinem Leben keinen Moment mehr geben, in dem Du kein Geld hast. Schmeiß´ die Schere in den Rucksack und erkunde die Welt. Du kannst für Essen Haare schneiden oder deine Zeche in der Bar damit bezahlen.‘ 

Unser Agreement war: ‚Du arbeitest zwei Tage für uns. Im Gegenzug geben wir Dir unser Wissen weiter. Wenn Du betrunken erscheinst, bist Du raus. Wenn Du einmal zugedröhnt erscheinst, bist Du raus. Nach der Arbeit kannst Du tun, was immer Du willst.‘ Dieser Bursche kam in den Barbershop und hat genau das getan, was wir gebraucht haben: Er hatte Spaß, er hat gelacht, er hat die Leute unterhalten, das Bier gebracht, die Snacks gereicht und den Leuten eine gute Zeit beschert. Und darum geht es beim Barbering: Eine gute Zeit haben!


Leen:
Die Typen, die bei uns arbeiten, würden für den Shop durchs Feuer gehen. Nicht für uns, für den Shop! Denn es ist IHR Shop. Für sie ist der Shop die heilige Mutter!


CUTwalk:
Gibt es weitere Erfolgsgeheimnisse?


Bertus:
Wir sagen unseren Kunden das, wozu sonst keiner die Eier hat: ‚Du siehst besser aus, wenn Du rausgehst, wie zu dem Zeitpunkt, als Du reingekommen bist.‘ Und Männer sind ja so einfach. Auf die Frage: ‚Wie kann ich Dir helfen?‘ – und der Mann wirkt nicht sicher – sage ich einfach: ‚Mann, ich mach‘ sie Dir einfach kürzer‘. Das ist genau das, was der Mann sucht. Und es steht in erster Linie das Ziel, dass der Mann am Morgen, wenn er sein Haus verlässt, gut aussieht. Wir bieten einfach den ultimativen Haarschnitt und genau so ist das mit den Bärten.


Leen:
Bei uns läufst Du rein und merkst, es ist ein echter Shop. Kein Scheiß, kein Blabla. Die Regeln sind klar. Die Jungs haben Spaß, boom und fertig. Wir fragen nicht viel nach. Je mehr wir über unseren Kunden wissen, umso schwieriger wird es. Und die ‚Keine Frauen‘-Regel ist sehr wichtig bei uns. Das soll einfach heißen: Gib´ Deinen Typen bei uns ab, das ist der sicherste Ort der Welt. Hier gibt es keine Frauen. Natürlich wird das oft missverstanden und es kommt das Gefühl auf, hier passiert was, wovon ich nichts weiß... das macht die Frauen nervös. Ist aber ganz anders gemeint. 


CUTwalk:
Wie definiert ihr den Ort „Barbershop“?


Bertus:
Der Barbershop ist der Platz, wo jeder Deinen Namen kennt, hier gestaltest Du Erinnerungen. Warum? Du kommst meist in der Pubertät erstmalig in den Kontakt mit Deinem Barber. Du willst die coolen Jungs kennenlernen, willst selbst cool werden. Hier lernst Du es. Du lernst, wie man einen Witz richtig erzählt, Du lernst, worüber Männer reden, Du kommst in Kontakt mit Jung und Alt und jeder redet mit Dir. Es ist ein gesellschaftlicher Treffpunkt.

In einem Barbershop spiegelt sich Verlässlichkeit. Unser Kunde kann sicher sein, wir sind hier. Unsere Jungs sind hier. Der Barbershop wird immer gleich aussehen. Es gibt keine plötzlichen Veränderungen. Männer mögen keine Veränderungen. Sie bewegen sich gerne in sicherem Terrain. Das bieten wir. Im Barbershop lernst Du viele Leute kennen, egal wie dick Dein Geldbeutel ist, hier sind alle gleich. Es werden Witze erzählt, über das gestrige Fußballspiel diskutiert der ganze Shop, manchmal labern wir auch einfach nur witzig rum. Männer unter sich halt. Du kommst hier rein und hast das Gefühl in Dein Wohnzimmer zu Deinen Kumpels zu gehen. Was im Shop gesprochen wird, bleibt im Shop. Weißt Du, wir erfahren viel mehr über die Menschen in den Reihenhäusern. Untereinander tauschen die sich nicht so aus – aber im Barbershop – wir wissen alles.  

Dann kommt eine ganz wichtige Sache dazu: Der Barbershop funktioniert nur mit dem Typen, der drinsteht. Vergiss den ganzen Franchise-Scheiß oder den Filialisierungs-Schwachsinn. Ein Barbershop ist ein Barbershop!


Leen:
Was ich an den Barbershops in den USA so liebe: Du gehst in den Barbershop und der Typ der dort arbeitet, ist 80 Jahre alt. Und dann ist da der Junior, der ist 60 Jahre alt, er wird immer der Junior sein. Aber ich möchte noch etwas über Frauen sagen. Es gibt tolle „Barberellas“.  Frauen, die das Ding Barbershop kapiert haben, sind meist richtig gut. Einfach weil sie auch noch wissen, wie ein Typ gut aussieht. Das wissen Bertus und ich natürlich nicht. Frauen wissen das. 


CUTwalk:
Wie muss man sich die Schorem Old School Academy vorstellen?


Bertus:
Auch das ist einfach: Üben, üben, üben. Wir zeigen Dir die Art der Schnitte, helfen Dir bei den ersten Schritten und dann geht es ans Üben. Je mehr Du übst, umso besser wirst Du. Das ist oft sehr schwierig für den klassischen Friseur, wenn er von Langhaarschnitten und Farbtechnik übergehen will zur Clipper-Arbeit. Als Barber startest du am Morgen Deinen Clipper. Das heißt, du arbeitest mehr technisch. Was machst Du, wenn Du ein teures Bild kaufst? Du holst den besten Rahmen dazu. Für uns sind die Outlines wichtig, wir umrahmen die Haarschnitte. Der Männerhaarschnitt wird zur Kunst. Gerade wenn Du einen Spritzer Aftershave aufträgst oder eine Nackenmassage gibst. Das ist männliche Kunst. Dann ist in einem Barbershop der Service enorm wichtig. Nicht die Art: ‚Wollen Sie Schokostreusel auf den Cappuccino?‘ – nein. Bei uns gibt es Filterkaffee und zwar den besten! Es geht um die Details. Wir unterrichten den Aufbau eines Haarschnittes, unterrichten die Art wie Outlines anzulegen sind und die Servicekultur in unserem Handwerk.


CUTwalk:
Wie steht ihr zum Thema Trend?


Bertus:
Das machen wir nicht. Das interessiert uns nicht. Du willst den
Bart kürzer – machen wir. Du willst eine Rasur – machen wir. Du willst einen guten Haarschnitt – machen wir.
Du willst einen echten Service –
machen wir.


CUTwalk:
Ihr habt ja auch noch eure Produktserie Reuzel. Erzählt mir etwas darüber – wie ist das entstanden?


Leen:
Das mit Reuzel haben wir in der gleichen Nacht hervorgebracht, als wir den Namen Schorem auf den Weg gebracht haben. Reuzel heißt übersetzt Tierfett, vor allem vom Schwein. Passt also zum Namen Schorem... Wir dachten einfach, es klingt urkomisch, wenn ein Mann sagt: Ich schmiere mir Reuzel ins Haar. Reuzel ist in seiner ursprünglichen Form das Schlimmste überhaupt: Sieht furchtbar aus, schmeckt furchtbar, riecht furchtbar. Wir dachten, das ist einfach super witzig. Mehr haben wir darüber nicht nachgedacht. Jeder, dem wir den Namen vorstellten, meinte, das sei das Dümmste überhaupt. Uns war das egal, wir dachten: ‚Fuck‘, lass´ uns diese Reuzel-Geschichte machen.‘


Bertus:
Für uns war das Produkt wichtig. Wir wollten damals eine echte Pomade machen. Nichts wasserbasiertes. Das war für uns keine Pomade. Die erste Kanne Reuzel haben wir in der Küche gemacht... Heute macht das eine Firma für uns, die wir genau ausgesucht haben. Nach unseren Rezepten, versteht sich. Das kontrollieren wir schon extrem.

Außerdem wollten wir auch ein richtiges Produkt für die Haare haben. Wichtig war uns die Funktion, denn nicht das Produkt soll im Vordergrund stehen, sondern die Haare. Und es sollte einfach sein, damit der Kunde am Morgen schnell aus dem Bad kommt und tipptopp aussieht.

Mittlerweile gibt es Reuzel auf der ganzen Welt. Zum Beispiel bei Pomadeshop, die unser Produkt mit Leidenschaft führen. Bei Schorem haben wir natürlich auch andere Produkte, beispielsweise von Layrite, Uppercut und viele mehr.


CUTwalk:
Gab es für Euch ein Ereignis, das Ihr nie vergessen werdet?


Bertus:
Lass´ mich hierzu eine tolle Geschichte erzählen. Wir bekamen eine E-Mail aus Amerika, Chicago. Wir hatten im Shop recht viel Arbeit vor uns. Ein Assistent von einem Fotografen nervte mit zig E-Mails und Anrufen, weil er ein Buch und dafür Fotos bei uns machen wollte. Irgendwann meinte ich nur: Schau mal, Schorem ist ein Barbershop. Dein Chef kann kommen, Fotos machen, er muss zuvor die Kunden fragen, ob das für sie in Ordnung ist, das war´s. O.K.?‘

Ein Tag bevor er kommen sollte, bekam ich einen Anruf. David – so hieß der Fotograf – habe ein Studio gemietet, wir sollen mit den Kunden vorbeikommen, dann könne er Fotos machen. Da bin ich vollkommen ausgeflippt und meinte: ‚Schau, sag‘ Deinem David, er soll zurück ins beschissene Chicago fliegen. So arbeiten wir nicht. Es interessiert uns nicht, ob wir in einem Buch, oder einem Magazin erscheinen.‘ Am nächsten Tag kam er doch mit 14 Leuten und noch mehr Equipment… ‚Ich bin David… Blabla...‘. Dann meinte ich: ‚Hey, Du kannst Fotos machen. Wenn es an der Tür klopft, ist das ein Kunde, dann hörst Du damit auf. Bei uns dreht sich alles ausnahmslos um den Kunden.‘ Als er dann mit all seinem Equipment dastand, sagte ich zu Leen: ‚Lass‘ uns den Typen mal googlen.‘ Wir gaben also David Raccuglia ein und sahen Bilder von Jack Nicholson, James Brown, und, und, und. Dann haben wir gelesen, dass er der Gründer von American Crew ist... und wir haben dem berühmtesten Barber auf dieser beschissenen Welt gesagt, dass er zurück nach Chicago soll und sich seine Fotos sonst wohin stecken kann... Nun – wir sind dann noch essen gegangen und hatten eine tolle Zeit mit ihm. 

Wir haben uns sehr intensiv kennengelernt. Das Ganze war halt einfach ehrlich. Es waren eben Leen und Bertus – aber irre war das trotzdem. David hat dann ein paar Wochen später angerufen und uns in der Vermarktung der Produkte weitergeholfen. Wie gesagt, ein super Typ.


CUTwalk:
Jungs – ihr habt diese Welle losgetreten, sie kreiert. Was ist besonders wichtig um Teil des Erfolges sein zu können?


Leen:
Sei Du selbst, gib´ niemals auf! Wir haben 100 Sachen gemacht, nur eine war erfolgreich. Hätten wir die anderen 99 nicht gemacht, wäre die erfolgreiche Sache nicht entstanden. Wir nehmen unser Business sehr ernst. Die Haarschnitte, die Rasur, den Service. Das ist aber auch das einzige, was wir ernst nehmen. Wir wollen Spaß haben. Versuche so viele Lacher wie möglich zu haben. Lachen lässt Dich besser arbeiten.


CUTwalk:
Ein außergewöhnliches Gespräch mit außergewöhnlichen Typen! Leen und Bertus eben. Vielen Dank für diese Zeit!

Danke auch an Stan Soldan, dem Inhaber von Pomadeshop.de und an Dennis van Lierop für den Support bei diesem Interview!

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