Laetitia Guenaou „Meine Philosophie ist sehr einfach: Ich rede mit meinem Herzen!“


Sie ist Französin – durch und durch. Laetitia Guenaou ist elegant und dabei herrlich entspannt und glücklich.

Die feinen Gesichtszüge verraten nichts von der geballten Kraft, die sie in ihrem Charakter trägt. Charmant führt sie uns an einen kleinen runden Tisch, an dem wir gemeinsam Platz nehmen. Schon lange ist Laetitia Guenaou eine internationale Top-Stylistin, die sowohl in der Modewelt (Armani, Yves St Laurent, Paco Rabanne, Montana, etc.), als auch im französischen Kino (Chabrol, Jeunet, Coline Serreau, etc.) zu Hause ist. Aber damit nicht genug: Die persönliche Kreativität und Leidenschaft, in der Kombination mit ihrer Liebe zu Reisen und fremden Ländern, mündete schließlich in der Gründung verschiedener Friseurschulen in Krakau (The World of Laetitia Guenaou) und Rio de Janeiro (L’Instituto). Als Ambassador für L’Oreal Professionnel bietet die Weltenbummlerin verschiedene Seminare an, die neben den Schnitt-und Colorations-Techniken vor allem eines zum Ziel haben: Die internationale Vereinigung aller Friseurinnen und Friseure.

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CUTwalk: Liebe Frau Guenaou, Sie haben einen sehr spannenden Lebenslauf und sind momentan der Associate Artistic Director des Creative Teams der Haute Coiffure Française. Wie hat Ihre Karriere konkret begonnen? 

Laetitia Guenaou: Zuerst wollte ich Psychologin werden… (lacht) Ich bin dann als Jugendliche in den Schulferien von meinen Eltern zu einer Freundin in den Frisörsalon geschickt worden. Meine Eltern wollten, dass ich mir ein Bild davon mache, was es tatsächlich bedeutet zu arbeiten. Als ich schließlich in diesem kleinen Salon angekommen bin, ist mir relativ schnell klar geworden, dass die Kundinnen und Kunden unter sich waren und sich sehr gerne ihrem Friseur anvertrauten. Es wurde ziemlich viel über das eigene Privatleben geredet und sie haben förmlich ihr Herz ausgeschüttet. Dieser psychologische Aspekt hat mich sehr fasziniert und letztlich auch mein Interesse an dem Beruf des Friseurs geweckt. Meiner Ansicht nach hat die Psychologie einen sehr großen Anteil in diesem Beruf: Denn neben Schlagworten wie Schönheit oder Veränderung, ist es vor allem eine starke psychologische Angelegenheit, die Kundinnen und Kunden glücklich zu machen. Man berührt als Friseur nicht nur ihre Haare – sondern ihre Seelen. Und diese Tatsache hat mich sehr bewegt, es hat mir Lust gemacht, diesen Beruf zu erlernen. Ich bin nicht wie manch andere Friseurin, die seit dem Kindes-alter ihre Puppen frisiert – Nein, so war das nicht. Vielmehr hat mich der Friseurberuf adoptiert, bzw. in sich aufgenommen. 

CUTwalk: Ihre Ausbildung zur Friseurin, bzw. der Lernprozess hat sich also erst danach ergeben?

Laetitia Guenaou: Ganz richtig. Ich war 16 Jahre alt, also wie die meisten, immer noch sehr jung. Für die Ausbildung habe ich insgesamt vier Jahre gebraucht. Sie war aufgeteilt, in eine 2jährige, klassische Ausbildung, zu der dann noch zwei weitere Jahre hinzukamen, in der ich dann die Praxis erlernte und Berufserfahrungen sammelte. Es ist wichtig zu sagen, dass es ein Beruf ist,    bei dem man nie auslernt! Ich fühle mich also immer noch als Schülerin (lacht). Der Beruf ist in ständiger Bewegung und verändert sich dadurch – folglich lernt man die ganze Zeit dazu und wächst dadurch – meiner Ansicht nach, spielt das Alter also überhaupt keine Rolle. Genau das ist der Punkt, der den Beruf für mich so schön macht: Man ist in der stetigen Ausbildung und hat nie ausgelernt!

CUTwalk: Sie sind in ihrer Arbeit sehr kreativ und vor allem außergewöhnlich. Worauf ist das zurückzuführen?

Laetitia Guenaou: Also... Eigentlich ist das nicht so leicht zu greifen, da ich mich wirklich von sehr vielem inspirieren lasse. Manchmal sind es Dinge aus dem Alltag, irgendwelche Kleinigkeiten. Dennoch würde ich sagen, dass meinen Reisen eine ganz erhebliche Rolle beigemessen werden kann: Ich hatte das große Glück, drei Mal eine Weltreise zu machen und ich bin sehr inspiriert von den verschiedenen Kulturen und Menschen, denen ich auf diesen begegnen durfte. Im Zuge dessen, kam mir die Idee „World Coiffure“ zu machen, sprich, weltweite Einflüsse in meiner Arbeit zu bündeln und sie anschließend in den Kollektionen zum Ausdruck zu bringen. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob die Einflüsse aus Europa, den Vereinigten Staaten oder Afrika kommen… Es ist ein fantastisches Zusammenspiel verschiedener Länder und Kulturen. Persönlich, liegt mir aber vor allem die asiatische, genauer japanische Kultur. Aber auch Teile von Lateinamerika inspirieren mich immer wieder aufs Neue und wecken meine Kreativität.

CUTwalk: Reisen nehmen immer Zeit in Anspruch. Wie viel Zeit investieren Sie dafür und bleibt da überhaupt noch Zeit für das eigene Privatleben?

Laetitia Guenaou: Ah, sehr wenig (lacht). Ich muss für einen Moment überlegen. Das letzte Jahr habe ich beispielsweise insgesamt – zwischen meinen Ferien und meinen Reisen – ungefähr (lacht) … nicht mehr als 40 Tage zu Hause verbracht. Also, ich war im gesamten Jahr weniger als 40 Tage zu Hause. Das klingt im ersten Augenblick natürlich sehr außergewöhnlich, aber mein Mann reist auch sehr viel und oft reisen wir gemeinsam: Es funktioniert sehr gut. Mein Mann ist Regisseur, er arbeitet für sämtliche Shows von Loréal. Gleichzeitig ist er der Regisseur für die Haute Coiffure Française, wodurch wir das große Glück haben gemeinsam zu reisen und zu arbeiten. Oftmals begleitet er mich bei den internationalen Shows und führt die Regie. Wir sind also nicht zu oft voneinander getrennt und haben durch unsere Arbeit auch eine gemeinsame Verbindung, die uns immer wieder zusammenführt. Alles in allem reise ich seit mehr als 5 Jahren intensiv in die weite Welt und ich bin eher freischaffende Studiofriseurin, bin gleichzeitig Friseurin für Loréal und konnte währenddessen in Polen und Brasilien zwei Friseurschulen ins Leben rufen. Sie sind mein ganzer Stolz. 

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CUTwalk:
In Krakau arbeiten Sie in der Friseurschule „Le Monde“ sehr eng mit Adelajda Tatomir-Dyras zusammen. Wie ist Ihre Arbeit aufgeteilt? Kannten Sie sich von Anfang an sehr gut?

Laetitia Guenaou:
Anfangs noch nicht, nein. Aber mittlerweile, ja! (lacht) Am Anfang, als ich das Team in Polen zusammenstellte, entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns und danach hatten wir beide ein sehr großes Interesse daran, die Friseurschule zu gründen. Ursprünglich war sie für die polnischen Friseurinnen und Friseure aus der unmittelbaren Umgebung gedacht, aber sie ist inzwischen so erfolgreich, dass wir Teilnehmer aus allen östlich gelegenen Ländern haben. Adelajda ist eher für die  Geschäftsführung und das Management zuständig und regelt unseren Kundenkontakt. Der kreative Kopf bin ich und bestimme die Kreationen, die Module der Ausbildungen und die Seminarinhalte. Wir sind ein gutes Team! Ja, ein sehr gutes Team! (lacht)

CUTwalk: Das klingt nach einer Arbeitsaufteilung, die Ihren Persönlichkeiten entspricht. Welches Ziel verfolgen Sie in den Friseurschulen?

Laetitia Guenaou: Es geht mir grundsätzlich um die Vereinigung der Friseure, die wie ich persönlich, Dinge lieben, die ein bisschen „avantgarde“ sind.  Die Friseurschulen bieten in ihren Seminaren neue Techniken, Werkzeuge und Methoden – Man kann sie vielleicht bildlich ein bisschen wie „ein offenes Fenster zur Welt“ vergleichen. Durch meine Reisen, bin ich dazu in der Lage, viel über das internationale Geschehen in der Friseurbranche zu erzählen: Ich kann über die asiatischen Tendenzen berichten, die Tendenzen in Lateinamerika, in Europa… Die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer begeben sich also ein Stück weit mit mir auf Reisen und profitieren von all den Inspirationen, die sie später in ihren eigenen Salons für sich nutzen.

CUTwalk: Wirklich sehr spannend! Welche Philosophie steckt dahinter?

Laetitia Guenaou: Meine Philosophie ist sehr einfach: Ich habe keine! Ich rede mit meinem Herzen.

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CUTwalk: (lacht) Nun ja, aber das ist doch nicht einfach. Oder?

Laetitia Guenaou: (lacht) Nein, das ist es nicht. Aber ich glaube, wenn man eine wahre, richtige Einstellung hat, die dem Herzen entspringt, nehmen die Leute sie wahr und fassen sie. Und – viel wichtiger – sie nehmen sie an. Für mich ist es meine Leidenschaft, die mich zum Reden bringt, die aus mir spricht. Mein Antrieb sind keine materiellen Werte, verstehen Sie? Es ist die Lust sich mit neugierigen Friseur-innen und Friseuren auszutauschen, die genau so leidenschaftlich sind wie ich. Es ist dieser Austausch zwischen uns, der meine Arbeit ausmacht und ihr diesen Reichtum gibt. Es geht also in erster Linie nicht um materielle Aspekte, weil ich denke, dass es wichtig ist, zu wachsen. Ich liebe Friseurinnen und Friseure und sie sind meine Familie. Die Handwerkskunst ist schon lange meine Leidenschaft und ich habe das große Bedürfnis alles zu teilen, was das Leben mir gegeben hat. Stellen sie sich kleine Geschenke vor, denn das Leben hat mir viele Geschenke gegeben. Genau, so ist das!

CUTwalk: Leidenschaft und Kreativität sind gute Schlagworte: Wie setzten Sie ihre Kreativität in ihrer Arbeit um und wie lange dauert es, eine Kollektion zu gestalten?

Laetitia Guenaou: (lacht) Es klingt jetzt vielleicht etwas eigenartig, aber es kommt „von oben“ und fällt auf mich herab. Man kann es im übertragenen Sinne vielleicht auch mit einer Eingebung vergleichen. Und deswegen ist es auch so schwierig, wenn man Friseure auffordert, alle sechs Monate die ganze Zeit über „kreativ“ zu sein und stetig neue Ideen zu entwickeln. Für mich sind die verschiedenen Kreationen eine Sache, die einfach so kommt und vom Zufall abhängig ist: Man kann nicht einfach auf einen Knopf drücken und sofort hat meine eine einzigartige Idee! Man kann es nicht berechnen. Das ist nicht immer einfach, aber wenn es dann einmal soweit ist, ist es ein unbeschreiblich schönes Gefühl.

CUTwalk: Gibt es vielleicht etwas, dass Sie den deutschen Friseurinnen und Friseuren mit auf den Weg geben wollen?

Laetitia Guenaou: Ich möchte noch ein paar Wort sagen, ja. Es gibt meiner Ansicht nach drei wesentliche Dinge, die im Friseurberuf wichtig sind.  Das erste ist die Neugier: Man sollte stets eine Neugier gegenüber unbekannten Dingen verspüren und offen für neue Ideen sein. Das zweite ist die Geduld: Gute Dinge passieren nicht immer sehr schnell, sondern brauchen ihre Zeit. Um zu wachsen und sich weiter zu entwickeln, durchläuft jeder einen Prozess. Daher ist Eile nicht immer gut und man sollte darauf vertrauen, dass alles zu seiner Zeit passiert. Drittens, die Leidenschaft: Sie ist aus meiner Sicht ein fundamentaler Antrieb und Motor in diesem Beruf und eigentlich auch für alle anderen Berufe elementar. Man sollte bei der Wahl seines Berufs sehr vorsichtig sein, denn er sollte im besten Fall immer motivierend und animierend sein. Der Friseurberuf ist für mich natürlich eine ausgezeichnete Wahl (lacht): Ich kann nur „Wow!“ dazu sagen.

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CUTwalk: Nun sind wir schon am Ende unseres Interviews und sagen: „Wow!“ Vielen Dank für Ihre Zeit und die tollen Einblicke. Wir wünschen Ihnen alles Gute!

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