„Übung macht den Meister!“ – Anne Veck

Anne Veck läuft uns in den Straßen Londons fast davon, als wir von der CUTwalk-Redaktion zum gemeinsamen Interview spurten.
An einer Hand lässt sich ihre Teilnahme an den verschiedensten internationalen Wettbewerben schon lange nicht mehr abzählen und auch in diesem Jahr zählt sie zu den Finalisten bei den British Hairdressing Awards, dieses Mal in der Kategorie „Afro Hairdresser of the Year“. Anne Veck folgt keinem Trend. Sie setzt ihn. Denn die künstlerischen Inszenierungen der gebürtigen Französin gelten als Vorläufer weltweiter Frisurentrends und Hairstyles. Dynamik. Elan. Temperament. Lebendigkeit: Das Wort „Ruhe“ existiert in ihrem Wortschatz nicht und getrieben wird sie durch ihre große Leidenschaft und Liebe für
den Friseurberuf.

 

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Wie surreal ihre Gedankenwelt tatsächlich ist und wie weit ihre Kreativität geht, präsentiert sie regelmäßig bei der Alternative Hairshow in der altehrwürdigen Royal Albert Hall und beeindruckt mit eindrucksvollen Shows und Inszenierungen. Auch hier nimmt sie im Jahr 2004 den „Alternative Hair Visionary Award“ entgegen und zeigt immerfort, dass ihre Fantasie und Handwerkskunst kombiniert, unvergessliche Eindrücke hinterlassen. 


CUTwalk:
Hallo Frau Veck, Sie kommen ursprünglich aus Frankreich. Wie begann Ihre Karriere hier in Großbritannien, wann haben Sie sich zum ersten Mal für den Friseurberuf interessiert? 


Anne Veck:
Oh, das ist wirklich sehr kurz zusammengefasst, denn eigentlich bin ich die erste in unserer Familie, die sich für den Friseurberuf entschieden hat. Weder meine Eltern noch meine beiden Brüder sind in diesem Segment tätig und ich bin natürlich glücklich darüber, dass mir dieses Debüt so gut gelungen ist. Ich habe mich recht früh für den Beruf entschieden und kam unmittelbar im Jahr 1986  nach meiner Ausbildung zur Friseurin als Au-Pair Mädchen nach Großbritannien. Vor allem ging es mir darum, Erfahrungen in der Praxis zu sammeln und die englische Sprache zu erlernen. Wissen Sie, für mich persönlich ist London in Bezug auf die Friseurkunst eine Kreativwiege. Die internationale Friseurbranche steht unter dem Einfluss der Trends und Stylings, die sich hier in London herausbilden. Davon ist Frankreich nicht ausgeschlossen und so kam es, dass ich mich schon sehr früh an dem Geschehen in London beteiligen wollte und es mir zum Ziel machte, in verschiedenen Salons zu arbeiteten. 


CUTwalk:
Sie sind also tatsächlich die einzige in Ihrer Familie, die diesen Berufsweg eingeschlagen hat?


Anne Veck:
Ja, absolut. Ich habe zwei Töchter und eine davon hat eine künstlerische Ader. Sie ist leidenschaftliche Schmuckdesignerin und kommt mit dieser Charaktereigenschaft wohl am ehesten nach mir. (lacht) Ansonsten ist der Rest der Familie nicht in diesem Gebiet tätig und hat auch nichts mit einer handwerklich geprägten Kunst zu tun. 


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CUTwalk:
Ihre Familie ist also gar nicht in Ihren beruflichen Werdegang involviert?


Anne Veck:
Meine Familie und besonders mein Mann unterstützten mich sehr, als ich im Alter von
23 Jahren meinen ersten Salon am Standort Oxford eröffnete. Es war für mich ein großer Schritt, der mir nur dadurch gelungen ist, weil ich sehr zielstrebig war und unbedingt selbstständig arbeiten wollte. Der Relaunch des Salons erfolgte im Jahr 2014, auf den ich natürlich sehr stolz bin. In Bicester ist mir dann auch noch die Eröffnung eines zweiten Salons gelungen. Beide Salons konnte ich mit besonders umweltfreundlichen Einrichtungen ausstatten, sodass wir bei den „British Hairdressing Business Awards“ mehrmals im Finale standen. Ich arbeite in einem tollen Team, mit vielen kreativen Köpfen, die sich auf die unterschiedlichsten Arten einbringen. Daher ist unser Angebot auch sehr vielseitig und wir frisieren beispielsweise auch afro-amerikanisches oder karibisches Haar, setzen immer wieder neue Impulse, wenn es um Brautfrisuren geht und bieten ein breites Repertoire an Colorationsservices oder Haarverlängerungen. Meine Mitarbeiter geben täglich ihr Bestes um die hohe Qualität unserer Angebote zu halten und den Anforderungen unserer Kundinnen und Kunden gerecht zu werden.  


CUTwalk:
Demnach ist Teamarbeit ein wichtiger Faktor für Sie. Wie schaffen Sie die Bindung unter Ihren Mitarbeitern?  


Anne Veck:
Natürlich haben wir alle völlig unterschiedliche Charaktere und Persönlichkeiten. Wenn es aber um die Arbeit geht, kann ich jedoch für jeden einzelnen von uns sagen, dass wir an einem gemeinsamen Strang ziehen – und uns sogar blind verstehen. Wir lieben unseren Beruf, das Miteinander und die Herausforderungen, denen wir uns sowohl im Salonalltag, als auch bei den Wettbewerben stellen müssen. Leidenschaft allein reicht oftmals nicht aus, weshalb ich im Vorfeld sehr streng in meiner Auswahl bin und erst einmal viel Disziplin und eine hohe Belastbarkeit erwarte. Ohne diese Eigenschaften ist der langfristige Erfolg meiner Ansicht nach ausgeschlossen. Übung macht schließlich den Meister und ich schließe mich da natürlich nicht aus. Man muss ständig am Ball bleiben und üben, üben, üben! Sobald ich in meinem Salonalltag Zeit finde, stehe ich an einem Trainingskopf und probiere Neues aus oder verfeinere meine Handfertigkeiten. Es ist mir schließlich auch wichtig, neben meinem Salonalltag und den Wettbewerben, in meinen Schulungen perfekte Techniken zu vermitteln. Außerdem treiben mich meine Leidenschaft und meine Liebe zu Haaren dazu, alles zu perfektionieren. Dies gelingt erfahrungsgemäß nur, wenn man durch viel Training eine bestimmte Routine hat. 

    

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CUTwalk: „Wettbewerb“ ist unser Stichwort: Nun sind Sie ja auch die Preisträgerin vieler internationaler Awards und sind in verschiedenen Wettbewerben mindestens immer unter den Finalisten gewesen. Genannt seien aus jüngster Zeit die „British Hairdressing Awards“ in verschiedenen Kategorien, „Southern Hairdresser of the Year“, „Schwarzkopf Professional: British Colour Technician of the Year“… Die Liste ist lang. Sind Sie an Ihrem Ziel angekommen? 


Anne Veck:
Sicherlich habe ich schon ein Stück weit erreicht, was ich erreichen wollte. Das ist richtig. Einer der Höhepunkte war dabei auch der „Alternative Hair Visionary Award“, den mein Team und ich im Jahr 2004 gewonnen haben. Persönlich, fühle ich mich aber noch nicht so, als sei ich an meinem Ziel angekommen. Insgeheim geht es nämlich nicht um die Titel und Wettbewerbe, die man gewinnt oder nicht gewinnt. Natürlich sind sie wichtig und bergen neue Herausforderungen, aber ich würde sie nicht als einziges und alleinstehendes „Ziel“ betrachten. Es ist für mich sehr schwierig ein konkretes Ziel zu definieren, aber man kann in jedem Fall sagen, dass ich bei meiner Arbeit immer auf der Suche nach dem perfekten Erscheinungsbild bin: Das ist mein Ziel! Eine Frisur ist für mich wie ein feines Mosaik, das sich aus verschiedenen einzelnen Komponenten zusammensetzt. Es muss auf den ersten Blick ein stimmiges, einnehmendes und harmonisches Gefüge ergeben. Für mich geht es also letztlich darum, dieses vollkommene Gesamtbild zu schaffen. Das ist für mich die absolute Herausforderung, der ich mich immer wieder neu stelle und die es zu bewältigen gilt. Darum geht es für mich im Friseurberuf, den ich so sehr liebe!


CUTwalk:
Das ist höchst interessant. Woraus resultiert Ihr Gesamtbild, bzw. wo konkret haben Sie Ihre Inspirationsquelle dafür?


Anne Veck:
  Wenn ich für meine Kollektionen arbeite, gibt es wirklich verschiedene Inspirationsquellen. In der Kollektion „Avantgarde“ von 2015 wurde ich beispielsweise sehr stark von einem Fotoshooting in Frankreich beeinflusst. Nachdem wir in einem kleinen Schloss unsere Session zu Ende gebracht hatten, befasste ich mich intensiv mit Marie-Antoinette, dem Barock und speziell dem zeitgenössischen Rokoko. Daraufhin hatte ich eine hervorragende Plattform mit unzähligen Ideen, die mir die Kreationen der Kollektion dann möglich machte. Manchmal werde ich von einfachen Situationen aus dem Alltag inspiriert: Möbelstücke, Gegenstände, die Architektur, Mode, andere Frisuren, Motive oder aber auch Naturphänomenen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Kollektion „Northern Lights“: Meine Reise nach Island bot mir faszinierende Bilder, denn ich blickte stundenlang in den Himmel, sah mir die Sterne an und beobachtete die tanzenden Nordlichter unter dem freien Himmel. Danach ist mir auch die Umsetzung dieser fantastischen Impressionen in der Kollektion gelungen. 

    

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CUTwalk: Nun sind das ja wirklich viele, auch sehr komplexe Impulse. Wie transportieren Sie das an Ihr Team oder Ihre Mitarbeiter?


Anne Veck:
  Das ist eine wichtige Frage! Teamarbeit ist für mich der Dreh- und Angelpunkt, da ich der festen Überzeugung bin, dass man nur auf diesem Weg das Optimum aus dem Einzelnen herausholen kann. Ich arbeite mit Moodboards, möglichst großen Pinnwänden, auf denen Fotos, Zeichnungen, Materialien oder kurze Texte angebracht werden. Manchmal genügt da auch schon ein einzelnes Wort. Je nach Zweck ist die Montage variabel, kurzzeitig oder dauerhaft und verbildlicht alle unsere Schlagworte und Ideen. Es handelt sich also zunächst um eine Art Ansammlung facettenreicher Gedanken, Konzepte oder einfach nur Geistesblitze, die in unserer gemeinsamen Arbeit eine Rolle spielen könnten. Alles davon umzusetzen ist selbstverständlich nicht möglich, weshalb im Anschluss daran, eine sorgfältige Auswahl getroffen wird. In einem letzten Schritt werden die ausgewählten Komponenten in Bilder, also Frisuren und Styles, transformiert. Das gesamte Team arbeitet an der Umsetzung und jeder kann sich individuell einbringen. Es sind für mich die spannendsten Momente, da hier die verschiedenen Interpretationen eines Motivs auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden, um schließlich in einer einzelnen Kreation zum Ausdruck zu kommen. 


CUTwalk:
Das klingt wirklich sehr produktiv und nach intensiver Kommunikation. Wir fragen aus reiner Neugier: Gab es denn in der Vergangenheit auch manchmal sprachliche Schwierigkeiten für Sie?


Anne Veck:
(lacht) Natürlich gab es diese im Laufe der Zeit. Englisch ist nicht meine Muttersprache, daher habe ich bestimmte Dinge so formuliert, wie man das im Französischen ausdrücken würde. Im Team war das aber dann manchmal, sagen wir „schroff“, denn es klang zu impulsiv und direkt. Es gibt darüber hinaus einen großen Kulturunterschied zwischen Frankreich und England und zu Beginn war das schon eine Hürde, die ich meistern musste. Davon war die Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden nicht ausgeschlossen. (lacht) Da fällt mir ein: Versehentlich kam es bei einem Kunden einmal dazu, dass ich den Schnitt „über den Ohren“ falsch interpretierte und seine Haare „bis über die Ohren“ kürzte, also viel zu viel abgeschnitten habe. (lacht) Sie können sich sicher vorstellen, dass mein Kunde nicht so zufrieden mit dem Ergebnis war. So etwas passiert mir heute natürlich nicht mehr, denn mittlerweile lebe schon so lange hier und beherrsche die Sprache auch in ihren Feinheiten. Außerdem verstehe ich mich mit meinen Mitarbeitern beinahe ohne Worte…  

 

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CUTwalk:
Wir stellen fest, Sie haben einen sehr bewegten Alltag, wie kommen Sie zur Ruhe?


Anne Veck:
Nun, ich liebe meine Arbeit und gehe ihr wirklich mit einer sehr großen Leidenschaft nach. Dabei reflektiere ich immer was ich mache, stelle es in Frage, distanziere mich davon, um es im Anschluss daran zu verbessern und voranzutreiben. Im Französischen gibt es ein Sprichwort: „Construire des châteaux en Espagne.“ („Luftschlösser bauen“), das sehr wichtig für mich ist. Ich verweile sehr oft in gedanklich abstrakten Dimensionen und manchmal weiß ich nicht, wie ich diese abstrakten Ideen in Frisuren umsetzten soll. Dafür gehe ich dann joggen (lacht) und dann fällt es mir meistens wie Schuppen von den Augen. Das ist mein persönlicher Ausgleich.


CUTwalk:
Wir hoffen, dass Sie weiterhin so frisch und fröhlich bleiben, wünschen Ihnen alles Gute und danken Ihnen sehr für Ihre Zeit und das Interview! 

 

www.anneveckhair.com

 

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