„Es ist sehr wichtig, immer sein Bestes zu geben!“ – Charlotte Mensah

Ihre Blicke sind warm und sie verzaubert uns mit ihrem weichen Lächeln, als sie uns in ihrem Salon Hair Lounge in der Portobello Road in Notting Hill empfängt. Charlotte Mensah ist spezialisiert auf afro-amerikanisches Haar und gilt nicht zuletzt durch ihren zweimaligen Sieg bei den British Hairdressing Awards in der Kategorie „Afro Hairdresser of the Year“ in den Jahren 2013 und 2014, als internationale Expertin in diesem Segment. Sie spricht offen über ihre Lebenseinstellung, ihren beruflichen Werdegang und verrät uns, dass sie einen steinigen Weg gegangen ist, um dort anzukommen, wo sie heute steht. In ihrem Herkunftsland Ghana hat sie es geschafft ein Bildungszentrum für junge Frauen zu gründen, das das Ziel verfolgt, ihnen eine berufliche Perspektive zu geben.Als wir aus dem Salon treten, können wir persönlich folgendes über Charlotte Mensah sagen: Für uns viel beeindruckender ist die Tatsache, dass sie „berührt“ und ihre Mitmenschen auf eine fast schon magische Art und Weise erreicht.

CUTwalk: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem wiederholten Sieg bei den British Hairdressing Awards in der Kategorie „Afro Hairdresser of the Year 2014“. Das ist ein grandioser Erfolg!

Charlotte Mensah: Vielen lieben Dank! Ich bin wirklich sehr glücklich und so dankbar darüber, den Award zum zweiten Mal gewonnen zu haben!

CUTwalk: Wir möchten dennoch zunächst an den Anfang: Wie begann Ihre Karriere, wann haben Sie sich zum ersten Mal für den Friseurberuf interessiert?

Charlotte Mensah: Meine Karriere? Das ist wirklich eine sehr lange Geschichte. Nun, erstes ‚Interesse‘ hatte ich schon als junges Mädchen, aber nicht, weil der Friseurberuf bereits in unserer Familie etabliert war, sondern weil die Weichen dafür, aus anderen, persönlichen Gründen recht früh gelegt wurden: Wissen Sie, meine Kindheit war leider eine traurige, denn meine kleine Schwester und ich hatten meine Mutter bereits sehr früh verloren. Ich war damals 13 und meine kleine Schwester war erst 3 und wir hatten durch den schmerzvollen Verlust eine sehr starke Bindung zueinander. Gemeinsam versuchten wir unter der Obhut meines Onkels unseren Alltag zu meistern und waren immer füreinander da. Wir verbrachten viel Zeit miteinander und ich begann schon in diesem Alter ihr regelmäßig die Haare zu kämmen und zu flechten.

CUTwalk: Das ist wirklich keine einfache Situation und klingt nach einer schweren Zeit, die Sie schon so jung meistern mussten. Liegen in dieser Zeit letztlich auch Ihre Anfänge für den Friseurberuf?

Charlotte Mensah: Ja, schon. Inspiriert wurde ich dabei von Fachmagazinen, wie Jet, Ebony und Essence, die u.a. das Erscheinungsbild und die Schönheit der Afro-Amerikanischen Frauen fokussierte und bis heute zum Inhalt hat. In Bezug auf mein Interesse und meine Begeisterung für Frisuren und Haare, kann ich im Nachhinein sagen, dass vor allem meine familiäre Situation – aber auch das Stöbern in solchen Fachmagazinen meine erste Liebesbeziehung zu diesem Thema entwickelt hat.

CUTwalk: In welchen Einrichtungen oder Salons und vor allem wann, hat Ihre Karriere dann schließlich begonnen?

Charlotte Mensah: Das war im Jahr 1985, als ich als Jugendliche zu meinem ersten offiziellen Bewerbungsgespräch in die Splinters Academy im Westen Londons eingeladen wurde. Ich konnte es damals gar nicht fassen, als sie mich kurz nach meiner Bewerbung tatsächlich anriefen. Wissen Sie, zu diesem Zeitpunkt haben wir im nördlichen Teil Londons gewohnt und es war daher eine wirklich große Sache in den Westen, in das Gebiet um den Oxford Circle zu kommen. Ich war also extrem aufgeregt, konnte in der Nacht davor kaum schlafen und war schließlich sehr, sehr glücklich, als mir die freie Stelle zugesagt wurde.

CUTwalk: Kann man demnach sagen, dass das Ihre erste Station war und dadurch Ihr professioneller Werdegang in die Wege geleitet wurde?

Charlotte Mensah: Ja, auf jeden Fall. In der Splinters Academy wurden damals Lehrlinge ausgebildet, die im Salon direkt an Kunden arbeiten durften, wodurch ich schon recht schnell den Kontakt zu Kundinnen und Kunden hatte. In dem London College of Fashion erfolgte die Schulausbildung, die ebenfalls zum umfassenden Programm der Splinters Academy gehörte. So kam es, dass ich von 1986-1988 an vier Tagen in der Woche also direkt im Salon arbeitete und ein Tag der Woche dem schulischen Teil der Ausbildung vorbehalten war. Danach habe ich meinen beruflichen Werdegang in verschiedenen Salons fortgesetzt. Im Zuge dessen, durfte ich auch prominenten Persönlichkeiten die Haare stylen, wie z. B. Beverley Knight, Janelle Monae oder Eve. Natürlich war das der Grund dafür, dass sich die Aufmerksamkeit um meine Person rasant erhöhte und ich also nun auch in den Medien präsent war. So ist es mir bald gelungen, meinen ersten Salon zu eröffnen.

CUTwalk: Die Selbständigkeit ist in einer Metropole wie London sicherlich nicht so leicht. Wie hat sich die Saloneröffnung für Sie persönlich gestaltet?

Charlotte Mensah: Nun ja (lacht). Also es handelte sich eigentlich nicht um einen Salon im klassischen Sinn. Es war vielmehr eine Art „Studio“ in einem industriellen Altbau (lacht). Meine Freunde und mein gesamter Bekanntenkreis haben mich für komplett verrückt erklärt, als ich Ihnen zum ersten Mal von meinen Plänen erzählte. Die Stimmen wurden dann auch noch einmal lauter, als es um die Umsetzung ging. Aber ich glaubte fest an mich, an das was ich tat – denn ich wusste von Anfang an was ich wollte und meine Liebe und Leidenschaft zu dem Beruf war so groß, dass es mir auch gelang die Kraft dafür aufzubringen. Natürlich hätte das alles nie ohne die Unterstützung meines Mannes geklappt, da ich zu dem Zeitpunkt bereits die Mutter eines 2-jährigen Sohnes war. Es war eine enorm anstrengende Zeit, aber ich zweifelte keinen Moment daran, dass sich die gesamten beruflichen Entwicklungen mit viel Eifer und Einsatz – und natürlich Gottes Beistand – fügen würden. Meine Kundinnen wussten, dass der Service stimmte. Die Örtlichkeit, der Salon, also sprich die Fassade, hatte nichts mit dem Niveau und der Qualität meiner Arbeit zu tun. Daher konnte ich die Anzahl meiner Kundinnen in diesem Salon von 50 auf 400 erhöhen. Auf diesem anfänglichen Erfolg wollte ich mich jedoch nicht ausruhen, wollte weitermachen, noch mehr leisten, noch mehr erreichen... Wobei ich noch nicht einmal sagen kann, dass es an meinem Ehrgeiz lag, sondern vielmehr an der Liebe zu meiner Arbeit. Diese Liebe und das Glück wollte ich teilen. Und tatsächlich, ich hatte das Gefühl jeder frisierten Kundin, die den Salon zufrieden verließ, einen kleinen Teil wieder zurückzugeben. Das hat sich bis heute gehalten. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich dann 2003 meine Hair Lounge hier auf der Portobello Road in Notting Hill eröffnen konnte. Seit insgesamt 12 Jahren bin ich nun endlich angekommen und wirklich dankbar, dass sich alles so zugetragen hat... (lacht) Da fällt mir noch ein: Bei der Saloneröffnung der Hair Lounge war ich übrigens gerade in meiner zweiten Schwangerschaft.

CUTwalk: Faszinierend – eine enorme Leistung! Sie haben uns einen Einblick in Ihren beruflichen Werdegang verschafft. Gab es dabei eine Person, die für Sie persönlich wichtig war?

Charlotte Mensah: Ich denke, das war auf jeden Fall meine Großmutter. Zwar bin ich in London geboren, war aber jedoch bis zu meinem 13. Lebensalter in Ghana bei meinen Großeltern. Besonders meine Großmutter war eine wunderbare spirituelle Frau, mit 8 Kindern, mit jeweils weiteren vielen Kindern... Wir waren eine riesengroße Familie, mit über 40 Personen unter einem Dach. Meine Oma schickte uns am Morgen los und wir hatten die Aufgabe Teigwaren, die wir auf einem Tablett auf unseren Köpfen trugen, zu verkaufen. Das Kind, das als erstes alles verkauft hatte, bekam zur Belohnung ein großes Stück Kuchen. So waren wir in einem ständigen Wettbewerb untereinander, denn jeder wollte natürlich mit dem Kuchen belohnt werden. Meine Großmutter war eine sehr ruhige aber wirklich starke Frau, die darüber hinaus sehr gönnerhaft war. Wenn Sie nach Geld gebeten wurde, gab sie es einfach aus der Hand, da es zu ihrer Natur gehörte, zu „geben“. Auch sie flocht unsere Haare. Sie hat mich sehr stark geprägt.

CUTwalk: Nun ist die tägliche Arbeit im Salon etwas anders als die Teilnahme bei den British Hairdressing Awards. Können Sie uns vielleicht noch einmal genauer erklären, was Sie antreibt?

Charlotte Mensah: Meine grundsätzliche und persönliche Einstellung lautet: Es ist sehr wichtig, immer sein Bestes zu geben! Und in diesem Punkt bin ich wirklich sehr leidenschaftlich und gehe immer wieder an meine Grenzen. Ich fühle mich sehr gut, wenn ich mein Bestes geben darf und denke, dass mich diese Eigenschaft ausmacht. Außerdem sehe ich in den Haaren einer  Person, mehr als nur „Haare“: Das Haar ist wie eine Krone.Diese thront auf dem Haupt und bestimmt das gesamte Erscheinungsbild und somit alles andere. Verstehen Sie, selbst wenn man schlechte Kleidung trägt, gibt es immer die Möglichkeit, das eigene Selbstbewusstsein und die positive Aura, durch ein gelungenes Styling auf die Höhe zu bringen. Natürlich geht es in diesem Beruf darum auch das Geld zu verdienen, aber ich versuche alles nach bestem Wissen und Gewissen zu machen und meine Kundinnen spüren diese positive Einstellung. Ich verlasse mich auf jede Art und Weise, im wahrsten Sinne des Wortes auf mein „Fingerspitzengefühl“.

CUTwalk: Ist dieses „Fingerspitzen-gefühl" auch verantwortlich für Ihre unglaublichen Leistungen bei den Wettbewerben?

Charlotte Mensah: Ja, definitiv. Aber auch meine Reisen nach Ghana! Sie haben mich in Bezug auf die künstlerische Arbeit wirklich am meisten geprägt. Jeder hat eine eigene Geschichte und wir in Afrika halten sehr fest an unserer Geschichte fest. Es geht mir in meinen Kollektionen nicht immer um Avantgarde-Präsentationen, sondern um die Hervorhebung der afrikanischen Frau. Es geht mir um die Botschaft, wie die afro-amerikanische Frau tatsächlich ist. So schaue ich mir alte Fotos an, blicke auf die Lebensumstände, die Frisuren und präsentiere in meinen Kollektionen ein Stück weit die Geschichte, die mit futuristischen Aspekten gespickt, durchaus im Alltag getragen werden kann. Es geht mir nicht darum etwas Innovatives oder völlig Neues zu schaffen, sondern an dem festzuhalten, was in der Vergangenheit war. In meinen Kreationen versuche ich somit die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vereinen und führe sie somit fort.

CUTwalk: Sie haben neben Ihrem Salonalltag und den Wettbewerben, die Charlotte Mensah Academy ins Leben gerufen. Können Sie uns kurz erzählen, weshalb Sie sich genau Ghana als Standort ausgesucht haben?

Charlotte Mensah: Ja. Ich denke jeder hat ein Recht auf eine schulische Ausbildung, auf einen erfolgreichen beruflichen Werdegang und eine gesicherte Zukunft. In Ghana gestaltet sich das vor allem für junge Frauen nicht so einfach. Daher war es mein Ziel, spezielle Seminare und Workshops anzubieten, die die berufliche Laufbahn in die Wege leiten. Ich schlage jetzt einen kurzen Bogen: Persönlich bin ich sehr religiös. Ich glaube an Gott, bete jeden Tag und bin ihm so dankbar für seine Unterstützung. Es war das Bedürfnis etwas zurückzugeben, da ich selbst immer seinen Beistand hatte, gerade wenn es manchmal schwierigere Zeiten gab. Darüber hinaus habe ich das große Glück, einen so wunderbaren Mann an meiner Seite zu haben, der den privaten Bereich im Auge behält und mir sowohl im Salonalltag, als auch bei der Vorbereitung auf die Wettbewerbe den Rücken stärkt.

CUTwalk: Frau Mensah, wir wünschen Ihnen für die kommenden British Hair Dressing Awards viel Erfolg und hoffen Sie demnächst einmal wieder zu sehen!



www.charlottemensah.com

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